04. Juni 2026

Das Kar

Ein Hochkar, ein alter Pachtvertrag und ein Verband, der nach zwölf Jahren wieder hinaufsteigt.

Illustration zu Das Kar mit Hochgebirgskessel, Pfad und Wandernden auf Papier

Am dritten September stiegen sie hinauf, Hubert voran, Andreas hinterher, und der Weg, der zwölf Jahre lang nicht mehr begangen worden war von der Seite des Verbandes, sah aus wie ein Weg, den niemand mehr meinte. Die Schwarzföhren standen tief, das Latschenfeld am Übergang war zugewachsen, und nur dort, wo Stefans Mannschaft mit dem Quad hinaufgefahren war, lag der Pfad blank.

„Da fahren sie."

„Da fahren sie", sagte Andreas.

Hubert blieb stehen, holte die Filzkappe hervor, setzte sie nicht auf. Er war zweiundsiebzig, er war schon Belegstellenwart gewesen, als Andreas in die Volksschule gegangen war, und er hatte das Kar mit angelegt, zusammen mit zwei anderen, von denen einer auf dem Friedhof in Spital lag und der andere nach Tirol gezogen war. Im Verband hieß es, Hubert sei der einzige, der noch wisse, wo die alten Drohnenstände gestanden hatten, oben am Kesselrand. Hubert sagte selten etwas dazu.

„Und der Schlüssel, Bua?", fragte er.

„Hat er nicht gebracht."

„Hat er nicht gebracht."

Sie gingen weiter. Es war einer dieser Septembertage, an denen die Wärme noch in den Steinen sitzt und die Drosseln schon hörbar werden, weil das Tal sich leert. Andreas war seit März im Amt, er war achtundvierzig, er war nicht ungeduldig, aber er hatte sich vorgenommen, in diesem Jahr nicht mehr zu warten.

Im Vorzimmer der Verbandsgeschäftsstelle in Linz hingen die alten Generalversammlungsfotos in zwei Reihen, von 1962 bis 2019, dann eine Lücke. Auf dem Foto von 1987 stand ein junger Mann ganz außen, der in den Bildbeschriftungen Stefan hieß. Er war damals dreiundzwanzig gewesen. Er hatte die Imkerei seines Großvaters übernommen, gemeinsam mit dem Pachtvertrag über das Hochkar, einen Vertrag, der ursprünglich seinem Großvater zugesprochen worden war und der nach jeder Verbandsneuwahl zur Verlängerung anstand, alle fünf Jahre, ohne dass jemand viel davon redete.

„Vierhundertfünfzig im Jahr", hatte Hubert gesagt, als Andreas im Frühjahr nach den Zahlen gefragt hatte. „Wir haben vierhundertfünfzig bekommen. Wir haben dem Forst neunhundert gezahlt."

„Wir haben draufgelegt."

„Wir haben draufgelegt. Seit acht Jahren."

„Und wer hat das Kar genützt?"

„Der Stefan", sagte Hubert. „Der Stefan hat das Kar genützt."

Andreas hatte sich die Karte schicken lassen. Ein Kessel, dreitausend Meter Talschluss, einseitig offen, mit einer Forststraße, die im Sommer befahrbar war, sonst nicht. Dreitausend Königinnen pro Saison wären möglich, hatte das Bieneninstitut einmal in einem Gutachten geschrieben, das im Schrank im Vorzimmer lag. Stefan, hatte Hubert gesagt, mache zwischen tausend und fünfzehnhundert. Reinzucht. Die Linien, die er aufbaute, gingen nach Deutschland und nach Südtirol, und in seinem Prospekt, der zweimal im Jahr erschien, stand auf der zweiten Seite ein Foto vom Kesselrand mit der Überschrift „Unsere Hochgebirgsbelegstelle".

„Unsere", hatte Andreas gesagt.

„Unsere", hatte Hubert gesagt.

Es gab in den Akten einen Brief Stefans aus dem Frühjahr 2015, drei Seiten, in dem er dem damaligen Obmann auseinandergesetzt hatte, dass die Belegstelle, wirtschaftlich gesehen, am Ende sei. Die Königinnenpreise lägen schlecht, die Anfahrt sei aufwendig, die Hütte erfordere bald ein neues Dach. Er, Stefan, könne den Pachtzins in der bisherigen Höhe nicht mehr verantworten, er bitte um eine Reduktion auf ein Drittel, sonst werde er das Kar aufgeben müssen.

Der damalige Obmann hatte die Reduktion gewährt. Drei Monate später war Stefans neuer Prospekt erschienen. Die Auflage war erhöht worden.

Stefan war an dem Tag nicht hinaufgekommen. Er hatte am Abend zuvor angerufen, die Sekretärin hatte den Anruf notiert, eine Krankheit der Mutter, hieß es, ein Termin in Wels. Den Schlüssel werde er, sagte er, gerne herrichten, man möge ihn am Hof abholen, irgendwann nächste Woche, wenn jemand vorbeikomme.

Hubert hatte die Filzkappe aus dem Rucksack genommen und vor sich gehalten. Er hatte den Pfad weiter hinaufgesehen, dorthin, wo der Wald in das Latschenfeld überging, und er hatte gesagt: „Wir gehen ohne."

„Wir gehen ohne", hatte Andreas gesagt.

Die Hütte stand wie immer. Sie war im Krieg gebaut worden, das Holz war gut, das Dach war zweimal erneuert worden, einmal vom Verband, einmal von Stefan, der dafür eine Rechnung gestellt und gegengerechnet hatte. Die Tür war verschlossen, aber neben der Tür, in einem leeren Wabenrähmchen, das in das Vordach geklemmt war, lag ein Schlüssel, den Stefans Mannschaft dort offenbar vergessen oder hingelegt hatte. Hubert nahm den Schlüssel, schloss auf, legte den Schlüssel wieder zurück.

Innen war es kühl. Die Begattungskästchen waren weggeräumt, der Schleudertisch stand abgedeckt, in einer Ecke stapelten sich Filzkappen, fünfzehn oder zwanzig, in verschiedenen Größen. An der Wand hing ein gerahmtes Diplom, eine Auszeichnung des Bieneninstituts an die Imkerei Stefan, datiert 2014.

Andreas stand davor und las das Diplom zweimal.

„Wir nehmen das nicht ab", sagte Hubert.

„Wir nehmen das nicht ab."

Sie schlossen wieder zu, hängten den Schlüssel zurück ins Wabenrähmchen, gingen.

Im Oktober wurde die Pacht gekündigt. Es war eine Kündigung in vier Sätzen, von einem Anwalt formuliert, der bisher noch nie für den Verband gearbeitet hatte und der nichts dafür verlangte, weil er, wie er sagte, selbst auf den Bergen sei und das Kar kenne. Der Brief ging an Stefan, in Kopie an den Forst und an die Bezirkshauptmannschaft. Die Pacht laufe am ersten März des nächsten Jahres aus, hieß es. Eine Verlängerung sei nicht vorgesehen.

Zwei Wochen später erschien im Imkerheft ein Leserbrief.

Der Leserbrief war von Franz unterzeichnet. Franz war achtundsechzig, Imker seit 1981, früher in der Ortsgruppe Vorstand, seit Jahren nicht mehr im Amt, aber bei jeder Generalversammlung in der ersten Reihe. Er war ein freundlicher Mann, das hatten alle, die ihn kannten, gesagt. Er war tief in der Pfarre, er war im Pfarrgemeinderat, er las an den großen Feiertagen die Lesung, er hatte einen Sohn, der Theologie studiert hatte. Er sprach von sich nicht als gläubiger Mensch, er sprach davon nie, aber alle wussten es.

In dem Leserbrief stand, dass dem Verband das Kar so sehr am Herzen liege, dass man fast meinen müsse, es liege ihm zu sehr am Herzen. Es stand darin, dass eine über Jahrzehnte gewachsene Verbindung nicht in einem Vorstandsbeschluss aufgekündigt werden dürfe. Es stand darin, dass Stefan ein verdienter Züchter sei, ein Mann, der Generationen von Königinnen aus dem Kar in die Welt gebracht habe, und dass es nicht angehe, einem solchen Mann den Boden unter den Füßen wegzuziehen, wegen, hier zitierte Franz, einer „neuen Funktionärsmoderne".

Andreas las den Leserbrief am Frühstückstisch. Er las ihn einmal, faltete das Imkerheft, legte es weg.

„Was steht drin?", fragte seine Frau.

„Der Franz", sagte Andreas.

„Der Franz."

Es kamen Briefe. Im November schrieb die Landwirtschaftskammer, höflich, sie habe von der Sache gehört, sie bitte um eine Stellungnahme. Im Dezember meldete sich ein Landtagsabgeordneter, dessen Wahlkreis im Bezirk lag, er bitte um ein Gespräch, vertraulich, im Café Traxlmayr, an einem Mittwoch. Im Jänner kam ein Schreiben aus Wien, vom Büro eines Abgeordneten, dessen Namen Andreas zuvor nur aus dem Fernsehen gekannt hatte, mit der Bitte um Übermittlung der Pachtverträge der letzten zwanzig Jahre, „im Rahmen einer parlamentarischen Anfrage zur Stellung der österreichischen Imkereibetriebe gegenüber den Landesverbänden".

Andreas saß im Verbandsbüro mit Hubert und Aloisia, der jungen Züchterin aus dem Mühlviertel, die seit dem Frühjahr in der Reinzuchtkommission war. Aloisia hatte den Brief aus Wien gelesen, hatte ihn umgedreht, hatte ihn nochmal gelesen.

„Wer hat denen das geschickt?", fragte sie.

„Geschickt hat ihnen das niemand", sagte Hubert.

„Niemand."

„Es hat ihnen jemand etwas gesagt."

„Gesagt", sagte Aloisia. „Wer redet denn mit denen in Wien?"

„Der Franz", sagte Hubert. „Der Franz redet mit denen."

Hubert hatte das ohne Bitterkeit gesagt, wie ein Mann, der ein Wetter ansagt. Aloisia sah ihn an, dann Andreas. Andreas hatte den Brief vor sich liegen, mit den Fingern auf dem Wappen.

„Wir antworten", sagte er.

„Wir antworten", sagte Hubert.

Sie antworteten. Sie übermittelten die Verträge. Sie schrieben einen Begleitbrief von drei Absätzen, in dem stand, dass die Pacht ausgelaufen sei, dass eine Wiederausschreibung in Vorbereitung sei, dass der Landesverband zu seinen Aufgaben stehe. Aus Wien kam keine Antwort mehr. Aus dem Landtag kam eine Visitkarte mit handschriftlichem Gruß, ohne Stellungnahme. Die Landwirtschaftskammer schloss ihre Akte.

Aber Franz schrieb weiter.

Im März fuhr Andreas zu Franz. Es war Aschermittwoch, Franz war eben aus der Kirche gekommen, er stand vor seinem Haus, in einem dunklen Anzug, mit einem Aschenkreuz auf der Stirn. Er begrüßte Andreas, wie er ihn immer begrüßt hatte, mit Handschlag, mit einem „Grüß Gott", mit der Geste zum Haus hinein, einen Kaffee, eine Mehlspeise.

„Komm rein."

„Ich bleib draußen."

„Wie du willst", sagte Franz.

Sie standen vor der Tür. Es war kalt, der Schnee lag noch in den Senken, die Sonne stand schon hoch.

„Du schreibst gegen den Verband, Franz."

„Ich schreibe für den Verband", sagte Franz. „Ich schreibe, was getan werden muss, dass der Verband bleibt, was er war."

„Du schreibst mit dem Stefan."

„Ich rede mit dem Stefan, weil er einer von uns ist. Du redest nicht mit ihm. Ich rede mit ihm."

„Du redest mit Wien."

„Ich rede mit allen, denen der Verband am Herzen liegt. Das ist meine Pflicht."

Andreas sah Franz an, das Aschenkreuz, die kleinen Augen, die runde, freundliche Stirn. Franz war kein böser Mensch. Niemand hatte das je gesagt. Es war eher so, dass Franz, was er tat, mit einer Inbrunst tat, die durch nichts zu erschüttern war, und dass diese Inbrunst, je mehr sie sich auf einen Punkt richtete, alles andere unsichtbar machte. Stefan zahlte ihn nicht. Stefan hatte ihn auch gar nicht angerufen. Franz hatte angerufen, weil ihm das Kar am Herzen lag und weil ihm Stefan am Herzen lag und weil ihm der Verband am Herzen lag, und in dieser Reihenfolge.

„Du wirst es nicht aufhalten, Franz."

„Ich halte nichts auf. Ich rede."

„Du redest."

„Ich rede."

Andreas ging zum Auto. Franz blieb stehen, hob die Hand, hielt die Geste fest, bis Andreas im Wagen saß. Beim Wegfahren sah Andreas im Rückspiegel, dass Franz die Hand erst senkte, als der Wagen um die Ecke verschwunden war.

Im April fuhren sie das erste Mal hinauf. Hubert, Andreas, Aloisia. Sie hatten neununddreißig Begattungskästchen dabei, in einem Anhänger, und dreizehn Drohnenvölker, in zwei Fahrzeugen. Stefans Hütte stand wie immer, sein Diplom hing noch innen, das Wabenrähmchen mit dem alten Schlüssel war fort.

Die neue Hütte stand zwanzig Meter weiter, unterhalb der Latsche, sie war im Februar mit einem Hubschrauber angeflogen worden, fertig aus dem Werk. Sie war kleiner als Stefans Hütte. Sie war hell.

Aloisia stellte ihre Kästchen auf. Sie hatte vierzehn Linien dabei, von vierzehn Züchtern aus dem Land, die in diesem Jahr das Kar zum ersten Mal nutzen wollten. Ein Imker aus dem Innviertel hatte am Vortag dreiundzwanzig Kästchen geschickt, eingeschrieben, mit einem Brief, in dem stand, er habe achtundzwanzig Jahre gewartet.

Hubert kontrollierte die Drohnenvölker. Es war kühl, der Reinigungsflug war erst eine Woche her, die Völker waren stark. Er setzte die Filzkappe auf, nicht weil er sie gebraucht hätte, sondern weil er den Geruch des Kars im Filz hatte und der Geruch ihm fehlte, wenn die Kappe nicht aufgesetzt war.

Andreas stand am Kesselrand. Von hier oben sah man hinunter ins Tal, bis an die ersten Höfe, dorthin, wo die Straße aus dem Bezirk heraufkam. Stefan war nicht zu sehen. Stefan war im April nach Ungarn gefahren, zu einem Züchter, mit dem er, hieß es, eine Vereinbarung über eine private Belegstelle in der Mátra getroffen habe. Es hieß auch, er habe gesagt, das österreichische Imkereiwesen sei für ihn erledigt. Niemand wusste, ob er das so gesagt hatte.

Franz hatte in der Märzausgabe des Imkerheftes einen neuen Leserbrief veröffentlicht, in dem es nicht mehr um das Kar ging, sondern um die „Eigenmächtigkeit" eines Vorstands, der sich nicht mehr beraten lasse. Der Leserbrief hatte siebenhundert Wörter. Es war der dritte in Folge.

Aloisia kam vom Anhänger zurück, mit der Liste in der Hand.

„Neununddreißig stehen", sagte sie.

„Neununddreißig", sagte Hubert.

„Im nächsten Jahr werden es mehr."

„Im nächsten Jahr."

Sie standen eine Weile. Es war so still, wie es nur in einem Kessel still sein kann, in dem die Wand das Tal abschneidet und der Wind über den Grat geht, ohne herunterzukommen. Dann begann das Brummen, sehr leise zuerst, kaum hörbar, ein einzelnes Drohnenvolk, dann zwei, dann der ganze obere Hang.

Andreas nahm die Kappe ab. Hubert sah ihn an.

„Hörst du es?", sagte Hubert.

„Ich höre es", sagte Andreas.

„Ich auch."

Unten im Tal, am Bauernmarkt in Linz, hatte Stefan im Mai einen Stand mit einem neuen Prospekt. Auf der zweiten Seite stand ein Foto eines Kessels, der nicht das Hochkar war, mit der Überschrift „Unsere ungarische Hochgebirgsbelegstelle". Franz schrieb im selben Monat den vierten Leserbrief. Im Pfarrheim, hieß es, halte er manchmal einen Vortrag, in dem es um die Bienen gehe und um den Glauben und um den Verband. Er hielt diese Vorträge bis in den Herbst.

Im Kar aber blieb das Brummen. Es blieb durch den Mai und in den Juni hinein, und Aloisia, die im Juli die ersten Linien zurückbrachte, sagte zu Andreas am Abend in der Geschäftsstelle: „Achtundsiebzig."

„Achtundsiebzig", sagte Andreas.

Hubert, der dabeisaß und das Imkerheft des Vormonats vor sich liegen hatte, ohne es zu lesen, hörte hin und sagte nichts. Erst als er hinausging, an der Tür, drehte er sich um und sagte, mehr zum Tag als zu den anderen: „Im nächsten Jahr also."

„Im nächsten Jahr."