05. Juni 2026

Der Honigtau

Eine Waldtracht im Kobernaußerwald, klebrige Nadeln und der richtige Augenblick vor dem Regen.

Illustration zu Der Honigtau mit Imkern im Wald und dunkler Waldtracht

Die Forststraße war noch nass vom Tau, als Gregor den Wagen anhielt, dort, wo der Schlag sich öffnete und der Kobernaußerwald nach Westen abfiel in lauter dunkle Wellen, eine hinter der anderen, sodass es einem, der lange nicht heroben gewesen war, vorkommen konnte, als atme der Wald im Schlaf. Es war der dritte Juli, kurz nach fünf. Theres saß neben ihm und hatte das Fenster heruntergelassen, und herein kam die Luft, in der etwas lag, das sie nicht benennen konnte.

„Riechst du es", sagte Gregor. Es war keine Frage.

„Ich weiß nicht", sagte sie.

Er stieg aus, ohne die Tür zuzuschlagen, und ging die paar Schritte zum Waldrand, wo eine junge Fichte stand, und zog einen Zweig zu sich herunter und fuhr mit dem Daumen über die Nadeln und hielt ihn ihr hin. Sie tat es ihm nach. Die Nadeln klebten. Es war kein Harz, das wusste sie, Harz war anders, Harz blieb am Finger und roch nach Wald. Das hier glänzte, und als sie den Finger an die Lippen führte, war es süß.

„Honigtau", sagte Gregor.

„Honigtau", sagte sie.

Er ließ den Zweig zurückschnellen. Über ihnen, im Halbdunkel der Krone, lief eine Ameisenstraße den Stamm hinauf und herunter, ein dünnes, ununterbrochenes Rinnen, und Gregor sah eine Weile hinauf, wie ein Mann, der einen Wetterbericht liest.

„Wenn die Ameisen tragen", sagte er, „dann tragen bald auch wir." Dann ging er zum Wagen zurück. „Aber gelobt wird nichts. Man soll die Tracht nicht vor dem Schleudern loben."

Sie hatten die Völker in der Woche zuvor heraufgebracht, achtzehn an der Zahl, in zwei Fahrten bei Nacht, weil man Bienen bei Nacht wandert, wenn sie eingetragen sind und der Flug ruht. Gregor wanderte seit dreißig Jahren in den Kobernaußer, und sein Vater war schon hergekommen, mit dem Pferd damals und einem Wagen, der heute im Schuppen verfaulte. Theres wanderte zum ersten Mal. Sie war aus der Gegend von Maria Schmolln, hatte mit sechs Völkern angefangen und im dritten Jahr zwölf, und im Winter hatte sie bei einer Versammlung neben Gregor gesessen, und er hatte gesagt, wenn sie wolle, könne sie im Sommer mit ihm hinauf, sie werde dort etwas sehen, das man nicht in einem Buch sehe.

Sie stellten die Beuten auf dem alten Platz, einem Wegdreieck, wo die Sonne erst gegen zehn hinkam, denn Gregor mochte es nicht, wenn die Völker schon in der Früh brüllten. Er stellte sie auf Böcke, eine Handbreit über den Boden, und Theres fragte, warum so hoch, und er sagte: „Wegen dem Marder." Mehr sagte er nicht.

Am Wegdreieck stand schon ein Wagen, grün und verblichen, und davor saß ein Mann auf einem Klappstuhl und trank aus einer Thermoskanne. Gregor hob die Hand. Der Mann hob die Hand.

„Du bist heuer früh, Andreas", sagte Gregor.

„Bin ich", sagte der Mann. „Der lange Schlag oben ist meiner, wennst nichts dagegen hast."

„Hab ich nicht."

„Es ist eh für alle genug." Andreas trank. „Wennst es nimmst, was da fällt, und wennst es nicht nimmst, fällt es auch. Es ist zu viel. Es war immer zu viel."

Gregor nickte. Theres sah von einem zum anderen, denn sie hatte gehört, dass sie sich um die Plätze stritten, die Wanderimker, dass es Worte gab und manchmal mehr als Worte, und sie hatte das Streiten erwartet und stattdessen sah sie zwei alte Männer, die über ein Übermaß redeten, als wäre es eine Last.

„Neun Zehntel", sagte Gregor, als sie weitergingen. „Neun Zehntel von dem, was der Wald hergibt, holt keine Biene. Das tropft auf den Boden und macht den Weg klebrig und ist am Abend weg. Darum streitet ein Verständiger nicht. Es ist nicht der Honig, um den man streiten müsste. Es ist das Wetter."

Das Wetter war die ganze Woche dasselbe, und das war das Beste, was es sein konnte: warme Tage, lau die Nächte, kein Regen. Gregor hatte unter dem ersten Volk eine Waage stehen, ein altes Eisengestell mit einem Zeiger, und jeden Abend ging er hin und las ab und schrieb mit Bleistift in ein Heft, das schon viele Jahre alt war und in dem die Sommer untereinanderstanden wie Namen auf einem Stein.

Am Montag war es ein Kilo gewesen.

Am Mittwoch waren es zwei.

Am Freitag, als Theres mit ihm zur Waage ging und er den Zeiger anschaute und dann noch einmal anschaute, sagte er nichts, sondern hielt ihr nur das Heft hin und zeigte mit dem Bleistift.

„Drei", sagte sie.

„Drei", sagte er.

In der Nacht hörte man den Wald arbeiten. Es war kein Geräusch, das man hätte beschreiben können, kein Brummen und kein Rauschen, eher ein Stehen in der Luft, als ob etwas geschah, das zu groß war, um laut zu sein. Theres lag im Wagen und lauschte und konnte nicht schlafen, und einmal, gegen drei, stand sie auf und ging hinaus, und der Wald war voll von einem Geruch, der nicht von Blüten kam, dunkler, würziger, fast wie heißes Brot, das man zu lang im Ofen gelassen hat, und sie verstand zum ersten Mal, dass ein Wald etwas hergeben konnte, das nichts mit Blumen zu tun hatte. Über ihr stand kein Mond. Auf den Nadeln glänzte es.

Die Arbeit war mehr, als sie gedacht hatte. Sie hatte gemeint, man stelle die Völker in den Wald und hole im August den Honig, aber Gregor ging jeden zweiten Tag durch und sah nach, ob ein Volk anfing, sich zu drücken, ob Spielnäpfchen kamen, ob eine Weisel müde wurde, denn ein Schwarm im Juli war ein Volk verloren und der halbe Honigraum dazu. Sie brachen Brutwaben heraus und hängten leere ein und gaben Raum und nahmen Raum und schwitzten unter den Schleiern, und einmal, als Theres einen Honigraum aufsetzte und nicht achtgab, kippte sie ihn fast, und Gregor hielt ihn mit einer Hand und sagte nichts, und das Nichts war das Schlimmste.

Den Smoker durfte sie führen, das hatte er ihr gegeben, weil sie die ruhigere Hand hatte. Aber er hatte ihr zwei Dinge gesagt, die sie nicht vergessen durfte, und das eine war: nie zu viel, kalter Rauch, nicht dass es Funken regnet. Und das andere war: wenn er ausgeht, geht er in den Kübel.

Es stand ein Kübel mit Wasser neben jedem Stand. Es war der trockenste Juli seit Jahren, der Boden raschelte unter den Schuhen, und am Forsthaus unten hatte die Verwaltung ein Schild aufgestellt, auf dem die höchste Stufe stand, rot, und Gregor las das Schild jeden Morgen, wenn sie hinunterfuhren um Brot.

Am Dienstag, als sie am letzten Volk fertig waren und Theres den Smoker ablegen wollte, setzte sie ihn auf den Boden, auf die trockenen Nadeln, und ging schon zwei Schritte, da war Gregor neben ihr und hob ihn auf, ohne Eile, und stellte ihn auf den blanken Holzbock, und sah sie an.

„Auf das Holz", sagte er.

„Auf das Holz", sagte sie.

Er sagte nicht mehr dazu. Am Abend, als sie das Heft führten, war der Tag noch immer drei Kilo gewesen, und Gregor schaute lange auf den Zeiger und sagte: „Es trägt. Aber gelobt wird nichts."

Den Specht hörten sie zuerst. Es war ein Klopfen, hart und ungleichmäßig, anders als das Klopfen, das ein Specht macht, wenn er einen Baum sucht, und Gregor war schon auf den Beinen, ehe Theres begriff, dass es von den Beuten kam. Ein Grünspecht hatte sich an die dritte Beute gemacht, hatte die Bretter bearbeitet, wo das Holz im Sommer riss, und hackte und horchte und hackte. Gregor klatschte in die Hände, und der Vogel strich ab, lautlos und gelb, in den Wald hinein.

„Der kommt wieder", sagte Gregor. Sie nagelten am Abend ein Drahtgeflecht über die Stelle, und Theres fragte, ob man ihn nicht vertreiben müsse, und Gregor sagte, man vertreibe einen Specht nicht, der sei vor ihnen dagewesen, man richte nur die Beute so her, dass er nicht durchkomme. „Er will dasselbe wie wir", sagte er. „Was drinnen ist."

In derselben Nacht kam der Marder. Sie hörten ihn nicht, aber in der Früh lag der Deckel der achten Beute schief, und an dem Stein, der ihn beschwert hatte, waren Krallenspuren, und auf dem Bock waren Spuren und am Boden Spuren, und Gregor ging in die Hocke und sah es an wie eine Schrift, die er lesen konnte und sie nicht.

„Er ist nicht hineingekommen", sagte er endlich. „Drum sind sie hoch, die Böcke. Er hat es probiert und es nicht geschafft, und er hat den Stein heruntergeschoben, weil er sich geärgert hat." Er stand auf und legte den Deckel gerade und den Stein darauf. „Wir sind nicht die Einzigen, die warten."

Theres sah, dass die Bienen flogen, als wäre nichts gewesen, dunkel an den Flugbrettern, schwer eintragend, und sie verstand, dass der Wald nicht nur ihnen gehörte, dass der Honigtau auf den Nadeln für die Läuse gewesen war, ehe er für die Bienen war, und für die Ameisen, ehe er für die Imker war, und dass am Ende einer Kette stand, wer am längsten warten konnte.

Der Bruch kam am Sonntag. Schon am Samstagabend war die Luft anders gewesen, schwül und still, und Gregor hatte das Radio im Wagen laut gestellt und gehört, was er nicht hatte hören wollen: eine Front von Westen, Gewitter, viel Regen, vielleicht Hagel, gegen Sonntagmittag. Er hatte das Radio ausgemacht und war hinausgegangen und hatte zum Himmel geschaut, wo nichts war als die letzte Helle über dem langen Schlag, und dann zur Waage.

„Wir nehmen sie morgen herunter", sagte er.

„Schon?", sagte Theres. „Du hast gesagt, im August."

„Ich habe gesagt, man lobt nicht vor dem Schleudern." Er klappte das Heft zu. „Der Regen wäscht den Tau von den Nadeln in einer Stunde. Dann tragen sie Wasser ein statt Honig, und was offen ist, verdünnt sich, und in drei Tagen ist die Tracht vorbei und kommt heuer nicht wieder. Wer wartet, bis es schön ist, der schleudert nichts." Er sah sie an. „Manchmal ist Warten das Falsche."

Sie standen am Sonntag um vier auf, im Dunkeln, und arbeiteten, ehe die Bienen recht flogen. Sie nahmen die Honigräume herunter, einen nach dem anderen, und sie waren schwer, schwerer als Theres erwartet hatte, und als sie die Waben hochhob, gegen die Stirnlampe, sah sie das Wachs ganz dunkel verdeckelt, und wo eine Zelle offen war, stand der Honig fast schwarz darin, dick wie Pech. Sie führte einen Finger hin und kostete. Es war nicht die Süße vom Frühjahr, vom Raps, hell und flach. Das hier war tief und herb und schmeckte nach Malz und nach Harz und nach etwas, das man nicht kannte, nach dem Wald selbst vielleicht, nach Nadeln und Erde und dem langen Stehen der Bäume.

Sie luden bis halb elf. Andreas kam vom langen Schlag herunter, sah die abgedeckten Räume auf dem Anhänger und nickte. „Du nimmst sie auch", sagte er.

„Nehme ich", sagte Gregor.

„Es kommt was."

„Es kommt was."

Sie fuhren hinunter, als der Himmel im Westen schon die Farbe von altem Zinn hatte. In Maria Schmolln, im Schleuderraum, der Theres' Großvater gehört hatte und jetzt ihr, schlossen sie das Tor, und draußen ging es los, erst ein paar große Tropfen auf das Blechdach, dann ein Rauschen, das alles übertönte, und dann der Hagel, kurz und hart, und Theres stand am Fenster und sah, wie es weiß wurde auf dem Hof.

Drinnen drehte die Schleuder. Gregor entdeckelte, langsam, wie er alles langsam tat, und Theres schöpfte und reichte die Rähmchen an, und aus dem Hahn der Schleuder, als das erste durchgelaufen war, kam ein Faden, dunkel und langsam, fast braun, und legte sich in den Topf und stand in der Luft, ehe er sich senkte, und der ganze Raum roch nach dem, was sie in der Nacht gerochen hatte, nach heißem Brot und Wald.

Gregor hielt den Finger unter den Hahn und kostete. Er sagte lange nichts. Draußen ließ der Hagel nach, und das Rauschen wurde wieder Regen, und der Regen wurde leiser.

„Jetzt", sagte er und wischte sich die Hand am Hosenbein ab, „jetzt darf man es loben."

Theres sah ihn an und sah, dass er es ernst meinte und dass er lächelte, und sie kostete auch, vom selben Faden, und sagte nichts, weil es nichts zu sagen gab, und draußen, über dem Kobernaußerwald, der jetzt nass war und seine Tracht hergegeben hatte und sie nächstes Jahr vielleicht hergeben würde und vielleicht nicht, hörte der Regen auf, und es tropfte nur noch von den Dächern, eine Weile lang, und dann auch das immer langsamer.