06. Juni 2026
Der Honigtest
Ein Laborbefund, ein Glas aus dem Vorjahr und die Frage, was im Honig sein darf.
Aloisia hatte den Befund am Dienstagvormittag das erste Mal gesehen, am Dienstagnachmittag das zweite Mal, und am Mittwoch hatte sie ihn nicht mehr angesehen.
Die Probe trug die Nummer 247. Auf der Etikette stand „Blütenhonig 2025" in einer Handschrift, die nicht die ihrer Mutter und nicht die Helenes war, die sie aber kannte. Daneben war der Einsenderbogen geheftet, mit Adresse, Bezirk, Stocknummer, und der Bitte um amtliche Untersuchung wegen der Vorlage beim Gütesiegel.
Das Zuckerprofil hatte sie ausgedruckt und in den Hängeordner Z gelegt. Saccharose 7,8. Maltose im oberen Grenzbereich. C4-Marker unauffällig. Es war kein Mais und kein Rohr, es war Rüben, und es war in der Tracht hineingekommen, nicht davor und nicht danach. Drei Generationen Imker wussten, was das hieß, und Aloisia war keine drei Generationen, aber sie war drei Jahre lang im Labor, und sie kannte das Profil.
Maria, die ältere Laborantin, war in der Mittagspause hereingekommen, hatte den Ordner Z gesehen und das Datum auf dem Bogen, und hatte gefragt, ob sie etwas mitnehmen solle. Aloisia hatte den Kopf geschüttelt. Maria war wieder gegangen.
Maria war Imkerwitwe. Maria sagte das nicht, aber Aloisia wusste es seit dem zweiten Jahr, und seither sah Maria gewisse Proben anders an als andere Proben. Dem Befund hatte sie nicht widersprochen. Sie hatte nur gefragt, ob sie etwas mitnehmen solle.
Am Mittwoch hatte Aloisia den Bogen nicht angefasst.
Helene rief am Mittwochabend an. Sie rief jeden zweiten Mittwoch an, seit dem Lehrgang im Frühjahr fünfundzwanzig, und sie rief immer dann, wenn Stefan im Stall war.
„Du", sagte sie.
„Ja."
„Er hat den Honig schon eingeschickt. Roman. Wegen dem Siegel."
„Ich weiß."
„Du weißt?"
„Ich hab die Probe."
Es wurde still im Hörer. Aloisia hörte die Drosseln vor Helenes Küchenfenster, sie hörte den Hund, der wahrscheinlich an der Tür kratzte, sie hörte die Holzfliege im Vorhaus, von der Helene immer sagte, sie würde sie noch erschlagen, und es nicht tat.
„Ist es gut?", sagte Helene.
„Ich hab den Befund noch nicht eingegeben."
„Aber ist es gut."
„Helene."
„Aloisia."
„Ich kann nicht sagen, ob es gut ist. Ich kann sagen, was drinsteht."
„Und was steht drin."
Aloisia hörte den Kühlschrank in ihrer eigenen Küche, der sich einschaltete. Sie hörte den Bach hinter dem Haus, der hochging, weil es im Pongau zwei Tage geschüttet hatte.
„Ich komm am Samstag", sagte sie.
„Stefan ist auf der Wanderung. Roman ist da."
„Roman ist gut."
„Roman ist immer da", sagte Helene, und Aloisia hörte, dass sie damit etwas anderes meinte als das, was sie sagte, und sie sagte nichts dazu.
Der Hof lag oben, wo die Straße zu einem Schotterweg wurde und der Schotterweg sich an einer alten Esche teilte. Aloisia kannte den Hof seit acht Jahren. Sie war zum ersten Mal an einem Schwarmtag im Mai gekommen, mit Helene, die damals noch nicht hereingeheiratet hatte und das auch nicht vorgehabt hatte zu tun.
Roman saß auf der Bank vor dem Schuppen. Er hatte die Filzkappe auf dem Knie liegen und den Stockmeißel in der Hand, mit dem er nichts machte. Aus dem Schuppen brummte es leise. Drei Völker waren im Schuppen, die anderen siebzehn standen oben am Hang, wo die Schwarzföhren waren.
„Grüß Gott, Roman."
„Aloisia."
Sie setzte sich neben ihn. Der Schotter zwischen dem Schuppen und der Hütte war frisch gerecht, was Stefan tat, wenn er da war, und Helene tat, wenn Stefan nicht da war.
„Du arbeitest in der Anstalt", sagte Roman.
„Drei Jahre."
„Drei Jahre."
„Im Honiglabor."
„Ja."
Roman sah hinüber zum Hang. Eine Drossel saß auf dem Pfahl neben der Hütte und sah zurück.
„Ich hab den Honig eingeschickt", sagte Roman. „Für das Siegel. Stefan wollte das."
„Ja."
„Stefan macht das jetzt."
„Stefan macht das jetzt."
Aloisia drehte den Knopf an ihrer Jacke, ohne es zu merken. Sie merkte es erst, als der Knopf in ihrer Hand lag. Sie steckte ihn in die Tasche.
„Roman."
„Ja."
„Im Frühjahr. Bevor der Honigraum drauf war."
„Bevor der Honigraum drauf war."
„Hast du noch gefüttert?"
Roman sah zur Drossel. Die Drossel sah zur Esche. Dann sah Roman wieder zur Drossel, weil die Esche nichts zu antworten hatte.
„Es war kalt", sagte er. „Bis in den April."
„Es war kalt."
„Ich hab im April noch zugefüttert. Drei Liter pro Volk. Vielleicht vier."
„Drei oder vier."
„Vier."
Es brummte aus dem Schuppen. Es war ein gleichmäßiges, sattes Brummen, wie es im Juni sein soll, wie es Aloisia in ihrem eigenen Stand auch hörte, wenn sie nach der Arbeit hinaufging.
„Der Honigraum war wann oben?", sagte sie.
„Sechs Tage später."
„Sechs Tage."
„Vielleicht fünf."
Sie nickte. Sie nickte nicht, weil das in Ordnung gewesen wäre, sondern weil sie verstanden hatte, was sie hatte verstehen wollen, ohne zu fragen, und weil sie nun nicht mehr fragen musste.
Roman stand auf. Er ging in den Schuppen und holte ein Glas. Es war ein Halbkiloglas, das Etikett war handschriftlich beschriftet, „Blütenhonig 2024". Er hielt es ihr hin.
„Aus dem Vorjahr."
„Aus dem Vorjahr."
„Den hab ich nicht eingeschickt."
„Nein."
„Der ist gut."
Aloisia nahm das Glas. Es war kalt, weil der Schuppen kalt war, auch im Juni. Sie hielt es einen Moment, und Roman sah sie nicht dabei an, weil das nicht nötig war.
„Im nächsten Jahr also", sagte er.
„Im nächsten Jahr."
Aloisia hatte ihren eigenen Stand hinter dem Haus, am Bach, neun Völker. Am Sonntagabend ging sie hinunter, obwohl es dafür zu spät war und sie auch nichts zu tun hatte. Sie hatte den Hof am Vormittag verlassen und war den Umweg über St. Johann gefahren, ohne dort etwas zu wollen.
Die Bienen flogen den Spätflug. An den Fluglöchern war das gleichmäßige Kommen und Gehen, das nichts von dem wusste, was im Glas in ihrem Rucksack lag. Sie ging an den Reihen entlang, eines nach dem anderen, und legte die Hand auf die Beuten, wie ihr Vater es getan hatte, der kein Imker gewesen war, aber den Stand der Großmutter im Sommer betreut hatte, jedes Wochenende.
Beim siebten Volk blieb sie stehen. Dort hatte sie im April zugefüttert, drei Liter, weil es kalt gewesen war bis in den April. Den Honigraum hatte sie vier Wochen später aufgesetzt. Vier Wochen. Nicht sechs Tage.
Sie legte die Hand auf das Holz. Es war warm vom Tag, der schon vorbei war.
Am Montag gab sie den Befund frei. Sie tippte die Nummer ein, sie tippte die Werte ein, sie setzte das Kreuz bei „Überschreitung Saccharose, Vorlage Gütesiegel nicht erfüllt", und sie schickte den Bogen über das System an die Stelle, die das System dafür vorgesehen hatte.
Maria kam vorbei, sah auf den Bildschirm, sah Aloisia an, sagte nichts. Sie ging in die Teeküche und kochte Wasser. Aloisia hörte das Wasser, das im Kessel brodelte, und sie hörte das Telefon, das im Nachbarbüro zweimal läutete und nicht abgehoben wurde.
Sie nahm den Hängeordner Z aus dem Schrank und legte das Profil nicht zurück hinein. Sie legte es in die Mappe „Erledigt 2025", dort, wo es hingehörte.
Auf ihrem Schreibtisch stand das Glas aus dem Schuppen. Sie hatte es am Sonntagabend mitgebracht, weil sie nicht gewusst hatte, wohin damit. Es hatte zu Hause auf dem Fensterbrett gestanden, neben den anderen Gläsern, und sie hatte es am Morgen noch einmal angesehen und mitgenommen, und nun stand es zwischen dem Drucker und der Wand.
Sie machte es nicht auf.
Helene rief am Mittwoch darauf nicht an.
Sie rief am Mittwoch der Woche danach nicht an, und am Mittwoch der Woche danach auch nicht.
Im Juli kam eine Postkarte, vom Bauernmarkt in Radstadt, mit einer Schrift, die Aloisia kannte. Auf der Karte stand: „Wir verkaufen heuer nur den vom Vorjahr." Daneben war ein kleiner Strich, der vielleicht ein Strich war und vielleicht ein Bienenflügel sein sollte, das ließ sich nicht entscheiden.
Aloisia legte die Karte zum Glas auf das Fensterbrett. Sie legte sie so, dass die Schrift nicht auf das Glas zeigte, sondern zur Wand. Das Glas blieb verschlossen.
Im Imkerheft der Ortsgruppe stand im Augustheft eine kurze Mitteilung, dass Roman sich aus dem Vorstand zurückziehe und Stefan die Funktion übernehme, mit Dank für die langen Jahre, mit den besten Wünschen für die kommenden. Es stand nichts vom Honig dort, und es stand auch nichts darüber, was nicht im Honig gewesen war, sondern dazugekommen. So etwas stand nie im Imkerheft.
Im Herbst, als die Tage kürzer wurden und sie nach der Arbeit nicht mehr in den Stand kam vor dem Dunkelwerden, nahm Aloisia das Glas einmal in die Hand. Es war noch kalt. Honig im Glas ist immer kühler, als der Raum es ist, weil das Glas die Wärme nicht hält. Sie stellte es zurück.
Im nächsten Jahr.