10. Juli 2026

Der Presssaft

Ein Honig aus der Waldtracht, den keine Schleuder hergibt, eine alte Presse aus Holz und Eisen und die wortkarge Weitergabe eines Handwerks vom Vater an den Sohn.

Illustration zu Der Presssaft mit einer alten hölzernen Honigpresse und dunklen Gläsern gegen das Abendlicht

Der Wald bei Sankt Konrad hatte in diesem August eine Farbe, die Johann nicht gefiel. Nicht das übliche Sommergrün, sondern ein mattes, fast bläuliches Dunkel, wie es die Fichten manchmal annahmen, wenn der Honigtau zu stark floss. Er stand am Rand der Forststraße, die Hand auf der warmen Rinde, und sah die kleinen schwarzen Tröpfchen, die sich an der Borke sammelten, dort, wo die Läuse gesessen hatten. Ameisen liefen die Stämme hinauf und hinunter, in dichten Spuren, als hätten sie einen Auftrag.

Paul kam mit dem Smoker den Hang herauf, außer Atem, das Gesicht gerötet vor Eifer. Er war der Sohn von Johanns Nachbarin, seit zwei Jahren im Verein, und er hatte die Waldtracht dieses Jahr zum ersten Mal miterlebt.

„Die Waben sind schwer", sagte er. „Schwerer als letztes Jahr."

„Weiß ich", sagte Johann.

„Dann schleudern wir morgen?"

Johann antwortete nicht gleich. Er klopfte die Hand an der Hose ab und ging zur nächsten Beute, hob den Deckel, roch. Der Geruch war harzig, fast bitter, kein Blütenduft mehr darin.

„Schauen wir erst, was es ist", sagte er.

Am Abend saßen sie am Tisch in der Hütte, eine Wabe zwischen sich, die Johann aus der obersten Zarge genommen hatte. Er hielt sie schräg gegen das Licht der Lampe. Der Honig glänzte nicht wie sonst, er war stumpf, fast wie Harz erstarrt.

„Zementhonig", sagte Johann.

„Was heißt das."

„Dass die Schleuder ihn nicht rausbringt."

Paul nahm die Wabe, kippte sie, nichts rann. Er kippte sie stärker, immer noch nichts.

„Und wenn wir stärker schleudern?"

„Dann reißen dir die Waben."

Paul legte die Wabe zurück auf den Tisch, vorsichtig, als könnte sie noch etwas verraten. „Woher kommt das."

„Melezitose", sagte Johann. „Die Läuse machen einen Zucker, den die Bienen nicht ganz umbauen können. Bei einem trockenen Spätsommer wie heuer wird er hart wie ein Stein in der Wabe."

„Und was jetzt."

Johann stand auf, ging zum Schrank in der Ecke, wo unter einer alten Wolldecke etwas Kantiges lag. Er zog die Decke weg. Eine Presse, aus Holz und Eisen, mit einer Kurbel, die er lange nicht angefasst hatte.

„Von meinem Vater", sagte er.

Sie brachten die schweren Zargen am nächsten Morgen in den Schleuderraum, aber die Schleuder blieb aus. Johann zeigte Paul, wie man die Waben mit dem Messer aus dem Rähmchen schnitt, das Wachs mit dem Honig zusammen in ein Tuch, das Tuch in die Presse. Es war eine Arbeit, die keine Eile kannte. Paul drehte die Kurbel zuerst zu schnell, und Johann legte die Hand auf seine.

„Langsam."

Der Presssaft kam zäh, in dünnen Fäden, tropfenweise in die Schüssel darunter, und mit ihm ein Geruch, der stärker war als jeder Blütenhonig, den Paul kannte, harzig, fast rauchig, mit einem bitteren Unterton, der lange im Mund blieb, wenn man ihn probierte.

„Schmeckt anders", sagte Paul.

„Ist auch anderer Honig."

Sie arbeiteten bis in den Nachmittag, wechselten sich an der Kurbel ab, das Tuch wurde immer wieder ausgewrungen, das Wachs blieb zurück, grau und ausgelaugt, wie etwas, das man einer Sache entzogen hatte, die sich lange gewehrt hatte. Draußen fiel kein Regen, die Fichten standen still, und aus dem Wald kam das trockene Rascheln der Blätter, die schon zu früh Farbe zeigten.

Gegen Abend war die letzte Wabe durch die Presse gegangen. Die Gläser standen in einer Reihe auf dem Tisch, dunkel, fast schwarz gegen das Licht, mit einer Konsistenz, die zwischen Honig und Sirup lag. Paul betrachtete sie lange.

„Weniger, als wenn wir geschleudert hätten."

„Immer weniger", sagte Johann. „Presssaft gibt nie so viel wie Schleuderhonig."

„Und die Waben."

„Sind weg. Die schneidet man raus, die kriegst du nicht mehr sauber."

Paul schwieg. Er nahm eines der Gläser in die Hand, drehte es, sah, wie der Honig kaum floss, selbst jetzt noch, träge wie im Winter.

„Nächstes Jahr schleudern wir früher", sagte er schließlich.

„Vielleicht", sagte Johann. „Der Wald fragt nicht, wann du Zeit hast."

Sie trugen die Gläser gemeinsam zum Auto, in zwei Kisten, die schwerer wogen als ihr Inhalt vermuten ließ. Paul hielt die Tür auf, Johann stellte die letzte Kiste hinein, und für einen Moment standen beide da, die Hände noch klebrig, und sahen zum Waldrand hinüber, wo die Fichten schon dunkler wurden im Abendlicht.

„Nimmst du das Vaterl mit heim", fragte Johann und deutete auf die Presse, die Paul in eine Decke gewickelt hatte.

„Kann ich?"

„Kannst."

Mehr wurde nicht gesagt. Paul stellte die Presse behutsam in den Kofferraum, neben die Gläser, und schloss die Tür, langsam, so als könnte auch das noch etwas zerbrechen, das sich den ganzen Tag über nicht hatte brechen lassen.