01. Juli 2026
Der Schwarm auf der Hochzeit
Ein Bezirksimkertag neben einer Hochzeit, ein Schaufenstervolk, das ausbricht und sich auf die Torte setzt, und ein Bräutigam, der sie hält, obwohl er es besser wüsste.
Um sieben war Erwin schon da, obwohl das Vereinsfest erst um elf begann. Er hatte den Tisch selbst mitgebracht, einen alten Klapptisch aus dem Schuppen, und er richtete ihn mit der Wasserwaage aus, obwohl der Rasen des Gasthofs ohnehin nicht eben war. Auf dem Tisch: das Schaufenstervolk in seinem verglasten Kasten, sechs Waben, sauber beschriftet, die Königin mit einem gelben Punkt gezeichnet, damit man sie durch das Glas fand. Daneben der Smoker, kalt, gereinigt, mit frischem Sackleinen befüllt. Erwin rückte die Beschriftungskarte zurecht, bis die Schrift parallel zur Tischkante stand.
Der Gasthof Aigner vermietete den Garten an zwei Parteien an diesem Tag. Auf der einen Seite, unter den Kastanien, das Zelt des Verbandes, weiß-blaues Banner, „Bezirksimkertag" in Blockbuchstaben. Auf der anderen Seite, näher am Haus, ein zweites Zelt, größer, mit Blumengirlanden und einem Bogen aus weißen Rosen. Die Kellner liefen zwischen beiden hin und her, mit Tabletts, die sie mal für die Imker, mal für die Hochzeitsgesellschaft trugen, ohne dass ihnen der Unterschied anzumerken war.
Erwin bemerkte das Rosenzelt kaum. Er hatte seine eigene Ordnung.
Um halb zehn stellte sich Hubert vor sein Zelt und klopfte mit dem Kugelschreiber gegen ein leeres Honigglas, bis es still wurde. Er trug das Verbandsabzeichen am Sakko, obwohl es niemand von ihm verlangte, und er begann mit dem Dank an die Ortsgruppe, ging über zur Bestandsmeldung, deren Frist sich, wie er betonte, dieses Jahr um zwei Wochen verschoben habe, ohne dass die Gründe dafür restlos geklärt worden seien, und kam über die Vermehrungsprämie, das neue Formular, das man nun doppelt ausfüllen müsse, weil die alte Version noch im Umlauf sei, zu einem Punkt, den er als „grundsätzlich" bezeichnete, und den niemand mehr genau verstand, als er geendet hatte. Andreas saß währenddessen an einem eigenen Tisch mit den Nadeltest-Protokollen der Saison, verglich Zahlen, ohne aufzusehen. Aloisia hatte einen Tisch mit Anmeldelisten und einem Lostopf für die Tombola, und sie lächelte jeden an, der vorbeikam, auch die, die zur Hochzeit gehörten und sich verirrt hatten.
„Ist das die Feier vom Steinhuber-Mädel?", fragte eine Frau mit Hut Aloisia.
„Das weiß ich nicht", sagte Aloisia. „Aber ein Los kostet zwei Euro."
Erwin hörte die Rede nur mit halbem Ohr. Sein Schaufenstervolk war unruhiger als sonst, ein Brummen, das er dem Transport zuschrieb, der Hitze im Kofferraum, vielleicht dem Gedränge der Waben. Er öffnete das obere Gitter einen Spalt, um zu lüften, so, wie er es zu Hause auch tat, und wandte sich wieder den Beschriftungskarten zu.
Es war kurz nach elf, als der Schwarm ausbrach.
Niemand sah, wie es begann. Erwin hörte nur, wie das Brummen aus dem Kasten mit einem Mal draußen war, eine Wolke, die sich über den Rasen hob, kurz stand, dann in einem Bogen Richtung Rosenzelt zog, tiefer und tiefer, bis sie über den Sektempfang hinwegzog wie ein Schatten, den niemand zuordnen konnte.
Die Hochzeitsgesellschaft hatte sich gerade zur Tortenanschnitt-Zeremonie versammelt. Die Torte, drei Stockwerke, weiß, mit einer Zuckergussgirlande, stand auf einem eigenen Tischchen, mit einer Kerze davor, die niemand angezündet hatte, weil es noch hell war. Der Schwarm setzte sich auf das oberste Stockwerk wie eine zweite, dunklere Haube.
Ein Moment Stille. Dann ein Raunen. Dann, von hinten, aus der Reihe der Tanten, ein Klatschen, zaghaft zuerst, dann lauter, weil jemand rief: „Das ist bestimmt Programm!"
Der Bräutigam, Michael, stand am nächsten. Er trug sein Sakko noch geschlossen, obwohl die Hitze längst dagegen sprach, und er rührte sich nicht. Sein Nacken war rot geworden, über dem Kragen, und er presste die Lippen zusammen, als schlucke er etwas hinunter, das er nicht schlucken wollte. Er hatte die Hände zu Fäusten geballt, tief unten, wo es niemand sah.
„Michael?", sagte die Braut. „Alles gut?"
„Alles gut", sagte er.
Erwin war schon unterwegs, den Smoker in der einen Hand, den Kasten mit dem Deckel in der anderen. Er ging nicht schnell, das tat man nicht, wenn ein Schwarm irgendwo saß, aber er ging zielstrebig, an Hubert vorbei, der etwas rief, das er nicht beachtete, an Andreas vorbei, der aufstand und sagte: „Brauchst du Hilfe?", worauf Erwin nur den Kopf schüttelte, ohne stehen zu bleiben.
„Bitte alle zurücktreten", sagte er, als er bei der Torte ankam. Niemand trat zurück. Die Gäste hielten ihre Telefone hoch.
Michael stand immer noch da, unbeweglich, und Erwin sah ihn an, kurz nur.
„Sie bleiben besser auch weg", sagte Erwin.
„Ich halt die Torte", sagte Michael. „Sonst kippt sie."
Das stimmte nicht ganz, aber Erwin ließ es gelten. Er stellte den Kasten unter das oberste Stockwerk, öffnete den Deckel, und begann, mit einem sanften, kurzen Stoß aus dem Smoker, die Traube zur Seite zu drängen, langsam, ohne Hast. Der Zuckerguss brach an einer Stelle, wo sich die Bienen festgesetzt hatten, und ein Streifen Marzipan löste sich, fiel Michael auf den Ärmel. Er zuckte nicht.
„Halten Sie den Kasten schräg", sagte Erwin. „Damit sie reinfallen können, wenn ich schüttle."
Michael tat es, mit beiden Händen, obwohl seine Finger zitterten, ein Zittern, das nicht vom Halten kam. Erwin gab dem obersten Tortenstockwerk einen kurzen, entschlossenen Ruck, und die Traube fiel, ein Großteil davon, direkt in den Kasten. Ein Rest blieb in der Luft hängen, drehte sich, folgte dann langsam den anderen nach, dem Geruch der Königin nach, die Erwin mit dem gelben Punkt längst erkannt und mit einer Feder vorsichtig in den Kasten gesetzt hatte, ohne dass es jemand außer ihm bemerkte.
Applaus. Diesmal von allen, nicht nur den Tanten.
„Bravo!", rief jemand. Hubert, der inzwischen näher gekommen war, hob beide Hände wie ein Dirigent nach dem letzten Takt.
„Das", sagte er, an die Umstehenden gewandt, „ist genau das, wofür der Verband steht. Vorbereitung. Fachwissen. So etwas passiert nicht von selbst."
Niemand widersprach ihm. Andreas, der herangetreten war, sah auf den Kasten, dann auf Erwin, und sagte nichts.
Am Abend, als die Musik im Rosenzelt begonnen hatte und Erwin seinen Tisch zusammenklappte, kam Michael noch einmal herüber. Er hatte die Krawatte gelockert, das Sakko über den Arm gelegt.
„Danke", sagte er.
„Ist mein Volk gewesen", sagte Erwin. „Tut mir leid um die Torte."
„Die Küche hat eine zweite gehabt. Reserve." Michael sah zum Kasten, der jetzt geschlossen dastand, ein leises Brummen von innen. „Was passiert mit denen jetzt?"
„Kommen heim. In einen richtigen Stock."
Michael nickte, als hätte er das erwartet, obwohl er es nicht hatte erwarten können.
„Waren Sie allergisch?", fragte Erwin, ohne aufzusehen, während er die Wasserwaage einpackte.
Eine Pause. „Ein bisschen", sagte Michael.
„Hätten Sie sagen können."
„Hab ich nicht wollen." Er sah zum Rosenzelt hinüber, wo seine Frau mit dem Brautstrauß tanzte, ohne ihn zu vermissen. „Ist eh gutgegangen."
Erwin reichte ihm ein Glas aus der Kiste unter dem Tisch, klein, mit einem selbstgedruckten Etikett. „Zur Hochzeit", sagte er.
Michael nahm das Glas, drehte es einmal in der Hand, las das Etikett nicht.
„Danke", sagte er wieder, und ging zurück zum Zelt, wo die Musik lauter wurde.
Erwin klappte den Tisch zusammen, hob den Kasten hoch, in dem es noch immer leise brummte, und trug ihn zum Auto, vorsichtig, wie er alles trug, das ihm gehörte.