05. Juni 2026

Der Zaun

Ein Garten, ein Bienenhaus nebenan und der stille Tausch zwischen Blüten, Früchten und Honig.

Illustration zu Der Zaun mit Garten, Bienenhaus und blühenden Pflanzen

Am ersten Samstag im April, an dem die Sonne früh über den Gartenzaun reichte, kniete Monika vor dem Erdbeerbeet und zählte. Drei Blüten an der ganzen Reihe. Eine davon hing schon braun am Stiel, und als sie daran zog, kam sie ihr ohne Widerstand in die Hand.

Die Ribiselsträucher standen kahl wie im Februar. Die Tomatenpflanzen, die sie im März vorgezogen und Anfang des Monats ins Beet gesetzt hatte, waren dünn geblieben, mit Blättern, die sich an den Rändern einrollten, als wollten sie zurück in die Erde. Sie hatte alles getan, was man tat. Sie hatte gegossen, sie hatte gehackt, sie hatte die Schnecken in der Früh abgelesen und in den Wald getragen, einen Becher voll, jeden zweiten Tag. Es half nichts. Seit drei Jahren ging das so, und seit drei Jahren sagte sie sich, dass sie es eben nicht habe, das mit dem Garten, dass sie keine Hand dafür habe, so wie andere keine Stimme zum Singen haben.

Im Lagerhaus hatte sie am Vortag einen Sack Spezialdünger gekauft, den teuersten, mit dem Bild einer Tomate darauf, die größer war als eine Faust. Sie lehnte ihn an die Schuppenwand und nahm sich vor, ihn am Nachmittag auszubringen.

Über den Zaun, bei Paul, war der Garten ein anderer. Da drängten die Erdäpfel schon in Reihen aus der dunklen Erde, da stand der Apfelbaum in einer Wolke, die man von weitem für Schnee hätte halten können, und aus dem Schuppen, der bei ihm kein Schuppen war, sondern ein Bienenhaus, kam ein Brummen, das den ganzen Vormittag nicht abriss, ein tiefer, gleichmäßiger Ton, der über dem Zaun lag wie etwas, das man nicht sah und doch wusste.

Monika wischte sich die Erde von den Knien und ging hinein. Den Dünger trug sie nicht aus. Sie vergaß ihn, wie man etwas vergisst, von dem man im Grunde nicht glaubt, dass es hilft.

Eine Woche später kamen die ersten.

Sie saß auf der Bank vor dem Haus, als sie sie bemerkte: an den wenigen Erdbeerblüten, an den zwei, drei Himbeerruten, die überhaupt getrieben hatten, eine Biene, dann eine zweite. Sie krochen in die Blüten, kamen wieder heraus, schüttelten sich, als wären sie nass, und flogen zur nächsten.

„Auch das noch", sagte Monika halblaut. Sie stand auf und ging hin. Was ihr vom Garten geblieben war, das Wenige, das überhaupt blühte, das holten ihr jetzt auch noch die Bienen weg.

Sie hob die Hand, um zu scheuchen. Dann ließ sie sie wieder sinken.

Die Biene an der Erdbeerblüte war über und über mit etwas Gelbem bestäubt, mit einem feinen Staub, der ihr an Beinen und Rücken hing, und sie trug ihn von Blüte zu Blüte, ohne ihn abzuladen, streifte ihn an der einen ab und nahm an der nächsten neuen auf, eine Blüte nach der anderen, die ganze Reihe entlang. Monika sah ihr eine Weile zu, ohne zu wissen, warum.

Über den Zaun hörte sie Paul. Er stand bei seinem Apfelbaum, eine Filzkappe im Nacken, und sah herüber.

„Du hast Besuch", sagte er.

„Die holen sich, was sie kriegen", sagte Monika.

„Das auch", sagte Paul.

Mehr sagte er nicht. Er ging um den Baum herum, und Monika hörte, wie er etwas an einer der Beuten zurechtrückte, Holz auf Holz, ein kurzer, hohler Ton, und dann wieder nichts als das Brummen.

Es wurde wärmer, und das Brummen, das vorher nur aus Pauls Garten gekommen war, stand jetzt auch in ihrem.

Sie zählte nicht mehr. Es waren zu viele. Sie saßen am Morgen schon im Beet, wenn sie mit der Kanne herauskam, und sie waren am Abend noch da, wenn das Licht schon flach über den Zaun fiel und die Drosseln im Holunder anfingen. An manchen Tagen war die ganze Himbeerwand in Bewegung, ohne dass sich ein Blatt rührte, und wenn man die Augen schloss, hätte man meinen können, der Strauch selbst gebe den Ton von sich.

Paul setzte einen Kasten auf seine Beuten. Sie sah es vom Fenster aus, wie er die Kiste hochhob, sie absetzte, den Deckel wieder darauflegte, ruhig, ohne Hast, so wie er alles tat.

Einmal, am Zaun, fragte sie ihn, ob das viel Arbeit sei.

„Im Mai", sagte er. „Da tragen sie ein. Solang die Tracht steht, kommt man kaum nach."

„Die Tracht", sagte Monika.

„Das, was blüht", sagte Paul. „Bei mir. Bei dir. Im Wald." Er sah über ihren Garten, über die Himbeeren, über das Erdbeerbeet, über die Tomaten, die nicht mehr ganz so dünn aussahen wie im April. „Bei dir ist heuer einiges."

„Bei mir", sagte Monika und musste fast lachen. „Bei mir ist nie was."

Paul antwortete nicht darauf. Er sah noch einmal über das Beet, dann nahm er die Kappe ab und ging zu seinen Beuten zurück. Den Dünger an der Schuppenwand sah keiner von beiden an.

Anfang Juni ging Monika mit einer Schüssel ins Beet, wie jedes Jahr, und stellte sie wieder ab, weil sie zu klein war.

Wo im Vorjahr drei schrumpelige Erdbeeren an den welken Stängeln gehangen hatten, bog sich das Laub jetzt unter dem Gewicht, und die Früchte darunter waren rot bis zum Kelch, prall, eine neben der anderen, sodass sie die Hand nur unterzuhalten brauchte und ein wenig zu schütteln, damit sie hineinfielen. Die Ribiselsträucher, die im April kahl gestanden hatten, hingen voll in Trauben, so dicht, dass sich die Zweige bogen. An den Tomatenpflanzen saßen die Ansätze in Rispen, drei, vier an jedem Trieb, und der Apfelbaum, ihr eigener, der kleine, von dem sie im Vorjahr neun Äpfel geerntet hatte und davon vier wurmig, trug so dicht, dass sie schon jetzt sah, dass sie würde ausdünnen müssen, wenn die Äste nicht brechen sollten.

Sie ging die Reihen ab, einmal, zweimal. Sie suchte nach einem Grund.

Der Sack mit dem teuren Dünger lehnte an der Schuppenwand, dort, wo sie ihn im April hingestellt hatte. Die Schnur am Verschluss war nicht aufgezogen. Es hatte zweimal darübergeregnet, das Papier war wellig geworden, und das Bild der Tomate, die größer war als eine Faust, hatte sich gewölbt und war an einer Ecke abgeblättert.

Monika stand eine Weile davor. Dann trug sie die volle Schüssel ins Haus.

Am Sonntag ging sie hinüber. Nicht über den Zaun – durch das Gartentürl, das zwischen den beiden Grundstücken seit Jahren offen stand und das man nur deshalb noch ein Türl nannte, weil einmal eines dagewesen war.

Paul war im Bienenhaus. Es roch nach warmem Wachs, dick und süß, und auf der Schleuder, die in der Mitte stand, klebte noch Honig am Rand des Kessels, ein heller Faden, der langsam nachgab.

„Ich wollt's nur sagen", begann Monika. „Heuer ist alles. Die Erdbeeren, die Ribisel, die Äpfel. Ich weiß nicht, was ich anders gemacht hab."

Paul wischte sich die Hände an einem Tuch ab. Er nahm ein Glas vom Brett, eines von den vielen, die dort in einer Reihe standen, hell und gefüllt, drehte den Deckel fest und hielt es einen Augenblick in der Hand, ehe er es ihr gab.

„Nichts hast du anders gemacht", sagte er. „Da steckt ein gutes Stück von deinem Garten drin."

Monika hielt das Glas gegen das Licht, das durch die kleine Scheibe des Bienenhauses fiel. Der Honig war hell, an manchen Stellen fast weiß, und langsam in der Bewegung, wenn sie das Glas drehte.

„Die waren den ganzen Mai bei dir", sagte Paul. „Bei der Himbeere vor allem. Und beim Apfel." Er sah sie an. „Was sie geholt haben, hängt jetzt bei dir an den Sträuchern. Und was sie dabei gemacht haben, das steht da im Glas."

„Tausch", sagte Monika.

„So ungefähr", sagte Paul.

Sie nahm das Glas mit beiden Händen, als wäre es schwerer, als es war, und ging durch das Türl zurück in ihren Garten.

Am nächsten Morgen frühstückte Monika auf der Bank vor dem Haus.

Sie hatte sich ein Brot mit Pauls Honig gestrichen, und während sie aß, sah sie in den Garten, der dalag, als hätte ihn jemand in der Nacht gegen einen anderen ausgetauscht: die Himbeerwand voll, die Beete dicht, das Erdbeerlaub schwer. Eine Biene kam über den Zaun, setzte sich kurz auf den Rand des Honigbrots, fand dort nichts, was sie nicht schon kannte, und flog weiter ins Beet.

Monika sah ihr nach.

Am Nachmittag holte sie den Rasenmäher aus dem Schuppen, wie sie es jeden zweiten Samstag tat, und sah die Wiese hinter dem Beet an, wo der Löwenzahn stand und der Klee und das, was sie sonst nicht hatte stehen lassen.

Sie stellte den Mäher wieder zurück. Neben den Sack mit dem Dünger, den sie noch immer nicht ausgebracht hatte.

Im nächsten Jahr, dachte sie, würde sie das Beet vielleicht ein wenig größer machen. Und die Wiese ein wenig wilder.

Über den Zaun, aus dem Bienenhaus, das bei Paul kein Schuppen war, kam das Brummen und riss den ganzen Nachmittag nicht ab.