27. August 2026
Die Auffahrt
Eine wiedereröffnete Belegstelle am Offensee, zweitausend Auffahrten und ein Konkurrent, der am Ende genauer hinsieht.
Am siebzehnten Mai war der See noch nicht warm, und der Nebel stand bis knapp über die Uferstraße, sodass die Autos, die von unten heraufkamen, zuerst zu hören und erst später zu sehen waren, ein Motor im Weiß, dann ein Dach, dann ein Hänger mit Kästchen darauf, festgezurrt unter einem Netz.
Alois hatte den Schranken um vier aufgesperrt. Das Schloss war neu, alles andere war alt: die Blechtafel mit dem Bienenzeichen, an der der Lack in Fetzen abging, der Steig zur Hütte, die zwei Betonsockel, auf denen vor seiner Zeit die Völker gestanden waren. Sein Vater hatte hier den Wart gemacht, und der vor seinem Vater auch. Dann war einundvierzig Jahre nichts gewesen, ein Gatter, ein Weg, ein Wald, der zurückkam.
Der Erste, der ausstieg, war Andreas, der Zuchtwart, mit einer Mappe unter dem Arm.
„Grüß dich."
„Grüß dich."
Sie trugen die Kästchen den Steig hinauf, zwei in jeder Hand, und stellten sie in Reihen ins Gras, die Fluglöcher nach Süden. Der Tau ging durch die Schuhe. Um halb sieben kam die Sonne über den Grat, und der Nebel hob sich nicht, sondern löste sich auf, an Ort und Stelle, so wie er gekommen war.
Andreas machte Striche in seine Liste.
„Fünfzehnhundert", sagte er.
„Und die anderen?"
„Fünfhundert. Bis jetzt."
Alois sah den Hang hinunter, wo die Drohnenvölker standen, zwölf Stück, und über ihnen die dünne Bewegung in der Luft, die man nicht sieht, wenn man nicht weiß, dass sie da ist.
„Zweitausend", sagte er.
„Zweitausend", sagte Andreas.
Im Voralpental, zwei Stunden nordöstlich, fuhr am selben Tag der Ferdinand mit dem großen Hänger zu Stefans Belegstelle hinauf, und Stefan stand oben am Wendeplatz und zählte mit, wie sie abluden.
„Wie viel?"
„Siebenhundertzwanzig."
„Voriges Jahr warens fünfhundertvierzig."
„Voriges Jahr bin ich woanders hingefahren", sagte Ferdinand.
Sie luden weiter. Ferdinand hatte drei Mann mit, alle jung, alle in denselben blauen Jacken, und die Kästchen gingen von Hand zu Hand wie Ziegel. Stefan trug nicht mit. Er stand mit dem Klemmbrett und schrieb, und wenn ein Stapel fertig war, ging er hin und schaute nach, ob die Fluglöcher offen waren.
Der Hubert kam vom oberen Stand herunter, achtundsiebzig, mit der Filzkappe, die er auch im Sommer trug.
„Die vom Verband kommen heuer nicht", sagte er.
„Ich weiß."
„Nicht ein einziges Kästchen."
„Ich weiß."
Hubert setzte sich auf die Bank vor der Hütte und schaute den Blauen beim Abladen zu. „Zahlt haben sie eh nie was."
„Nein."
„Aber Drohnen haben sie mitgebracht", sagte Hubert. „Zweimal. Ich hab es ihnen ins Gesicht gesagt."
Stefan schaute auf sein Klemmbrett. Auf dem obersten Blatt stand die Zahl vom Vorjahr, sechstausendachtzig, und darunter, in einer anderen Farbe, war er dabei, die neuen Zahlen dazuzuschreiben. Es waren mehr. Es waren um ein Drittel mehr Auffahrten als je zuvor, und der Ferdinand war der Grund, und der Grund für den Ferdinand war der Offensee.
„Sie können es nicht", sagte Stefan.
Hubert sagte nichts.
„Der Präsident kann es nicht, der Zweite kann es nicht, und der Zuchtwart schon gar nicht. Der hat in seinem Leben keine Linie geführt."
„Na", sagte Hubert.
Unten schlug einer der Blauen die Bordwand zu, und das Geräusch ging zweimal über das Tal.
Die Helene war am zwanzigsten Mai bei ihm gewesen und hatte es ihm gesagt, wie man etwas sagt, das man sich zurechtgelegt hat.
Sie standen im Schleuderraum, weil es geregnet hatte. Auf dem Boden lagen die Rähmchen, die er ihr voriges Jahr geliehen und die sie ihm jetzt zurückbrachte, sauber, mit neuem Draht.
„Ich fahr heuer an den See", sagte sie.
Stefan zählte die Rähmchen.
„Mit allen?"
„Mit vierzig. Die anderen bleiben da."
„Vierzig", sagte er.
„Ich hab zwei Linien, die ich nachprüfen will, und beim Nadeltest bin ich mit der einen nicht weitergekommen." Sie sagte es schnell, so wie man eine Rechtfertigung sagt, um die einen niemand gebeten hat. „Und weil sie heuer dort die VSH auffahren, ist die Anpaarung sauberer für das, was ich brauch."
„Bei mir ist die Anpaarung sauber."
„Ja", sagte sie. „Das hab ich nicht gemeint."
Er legte das letzte Rähmchen auf den Stapel und wischte sich die Hände an der Schürze ab. Draußen ging der Regen über das Blechdach, gleichmäßig, ohne stärker oder schwächer zu werden.
„Vierzig von sechstausend", sagte er.
„Ja."
„Dann ist es ja gleich."
Sie schaute ihn an und sagte nichts dazu, weil es nicht gleich war, und weil sie beide wussten, dass es nicht die vierzig waren.
Beim Hinausgehen blieb sie in der Tür stehen. „Im Herbst brauch ich wieder Rähmchen."
„Kannst haben", sagte Stefan.
Am achtundzwanzigsten Mai saßen drei Männer im hinteren Zimmer vom Lagerhaus, und Andreas las vor. Er las nicht alles, er las die Stellen, die der Reihe nach gemeint waren, den Präsidenten, den Vizepräsidenten, ihn selbst. Es war ein langer Text, weitergeschickt an elf Adressen und von zweien davon zurückgekommen.
Als er fertig war, faltete er das Blatt zusammen, einmal, und dann noch einmal.
„Der Bua", sagte der Präsident.
„Er ist einundvierzig", sagte Andreas.
„Ich weiß, wie alt er ist."
Der Vizepräsident rührte in seinem Kaffee, obwohl kein Zucker drin war. Draußen fuhr ein Traktor vorbei, und die Gläser im Kasten klirrten kurz.
„Was kostet bei uns die Königin?", fragte der Präsident.
Andreas sagte den Preis.
„Und bei ihm?"
„Bei seinen Züchtern manchmal die Hälfte."
„Dann sind wir die Teuersten."
„Ja", sagte Andreas.
Der Präsident nickte, als wäre damit etwas erledigt, was nicht erledigt war. Dann schob er das gefaltete Blatt über den Tisch zurück und sagte, man solle nicht antworten, und alle drei wussten, dass das die schlechtere von zwei schlechten Möglichkeiten war und trotzdem die richtige.
Stefan fuhr am zweiten Juni zum Offensee hinauf, allein, am späten Nachmittag, und es war einer von den Tagen, an denen die Luft im Tal steht und über dem Wasser trotzdem etwas geht.
Er stellte den Wagen unterhalb vom Schranken ab. Der Schranken war zu. Er hätte hinaufgehen können, es hätte ihn keiner aufgehalten, und er ging auch ein Stück, bis dorthin, wo man zwischen zwei Eschen durch die Reihen sieht.
Sie standen sauber. Das war das Erste, was er sah, und das Zweite war, dass sie zu eng standen, wie er fand, eine Handbreit zu eng, und dass die vordere Reihe zu weit im Schatten war für den Vormittag. Er blieb eine Weile stehen und rechnete es aus, das Sammelgebiet, den Kessel, den Zug der Luft am Hang, und er kam auf dieselbe Zahl, auf die vor ihm schon andere gekommen waren, vor hundert Jahren.
Oben ging Alois zwischen den Reihen und hob da und dort einen Deckel, wie man es macht, wenn man nicht hineinschauen will, sondern nur horchen.
Stefan ging zum Auto zurück.
Am Abend schrieb er die dritte Eingabe, an die Behörde diesmal, wegen des Schutzgebiets und der Abstände, und er schrieb sie sorgfältig, mit den Paragraphen, und er wusste beim Schreiben, dass sie nichts bringen würde, und schrieb sie fertig.
Der Abholtag war der einundzwanzigste Juni.
Sie kamen von halb sechs weg herauf, mit Kombis und Anhängern, mit Bierkisten voller Kästchen, und Alois stand oben und sagte, wo man stehenbleiben sollte. Es war der wärmste Tag bis dahin. Die Drosseln waren schon lange auf, und aus den Kästchen kam, wenn man sich hinunterbückte, dieses feine, hohe Geräusch, das eine begattete Königin macht und eine unbegattete nicht.
Die Helene kam mit vierzig. Sie stellte sie auf den Tisch vor der Hütte und öffnete zwei, drei, vier, und in jedem war das Zeichen.
„Wie viel hast du?", fragte Alois.
„Achtunddreißig von vierzig."
Andreas hatte am Nachmittag alle Zahlen beisammen. Er ging mit dem Bleistift die Liste durch, und dann rechnete er es zweimal, weil es beim ersten Mal zu hoch gewesen war.
„Überdurchschnittlich", sagte er.
„Wie viel?"
Andreas sagte die Zahl.
Alois nahm die Filzkappe ab, fuhr sich über den Kopf und setzte sie wieder auf.
Um zwei kamen die Leute vom Fernsehen, zwei Männer und eine Frau, sie parkten falsch und entschuldigten sich dafür, und dann filmten sie eine Stunde lang die Kästchen, den See, den Hang, die Drohnenvölker von hinten, und Andreas musste in ein Mikrofon sagen, was VSH heißt, und sagte es dreimal, und beim dritten Mal sagte er es so, dass es auch ein Mensch verstand, der noch nie ein Volk aufgemacht hatte.
Am Rand, auf dem Tisch, stand die kleine weiße Styroporbox, die am Montag wegging.
„Wohin geht die?", fragte die Frau vom Fernsehen.
„Nach Australien", sagte Andreas.
„Nach Australien", sagte sie, und schrieb es sich auf.
Stefan kam am Abend, als die meisten schon weg waren.
Er kam mit dem leeren Wagen, ohne Anhänger, und blieb unten stehen, und Alois sah ihn heraufgehen und stellte einen zweiten Becher auf den Tisch, bevor er da war.
„Grüß dich."
„Grüß dich."
Der Kaffee war vom Vormittag. Sie tranken ihn trotzdem.
„Zweitausend", sagte Stefan.
„Zweitausend."
„Fünfhundert davon Fremde."
„Fünfhundert."
Stefan stellte den Becher hin. Auf dem Tisch stand noch ein Kästchen, das die Helene vergessen hatte, und er machte es auf, ohne zu fragen, und hielt es gegen das Licht, und darin ging die Königin über die Wabe, dunkel, mit dem Zeichen hinten, langbeinig, ruhig.
Er schaute lange hinein.
„Sauber angepaart", sagte er.
„Ja", sagte Alois.
Stefan machte das Kästchen zu und stellte es genau dorthin zurück, wo es gestanden war.
„Sechstausend hab ich gehabt", sagte er. „Voriges Jahr."
„Ich weiß."
„Heuer werdens mehr."
„Ich weiß", sagte Alois.
Unten fuhr das letzte Auto weg, und man hörte es noch eine Weile, wie es die Kehren hinunter kleiner wurde, und dann hörte man das Wasser, das man den ganzen Tag nicht gehört hatte.
„Dein Vater", sagte Stefan, „hat der da heroben angefangen?"
„Der Großvater. Neunzehnhundertsechs."
Stefan nickte. Er stand auf, klopfte sich mit der flachen Hand zweimal auf die Oberschenkel, wie es die Alten tun, wenn sie gehen wollen und es nicht sagen mögen, und ging den Steig hinunter, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Alois räumte die Becher weg und sperrte die Hütte zu. Dann nahm er die Liste für das nächste Jahr, die noch leer war, und schrieb ihn auf die erste Auffahrt, mit Bleistift, damit man es wieder wegtun konnte.