04. Juni 2026
Die Drohne
Eine Drohne, ihre Linie und der eine Flug, für den sie auf der Welt ist.
Am Morgen, an dem sie aus der Zelle stieg, war die Wabengasse warm, und das Erste, was sie wahrnahm, war das Brummen der anderen, die schon lange da waren und die sie nicht ansahen.
Sie war groß und ungeschickt und stieß an, wohin sie ging. Eine der Pflegerinnen, die über die Brut lief, hielt einen Augenblick inne, putzte ihr den Rücken und ließ wieder ab.
„Du bist von der Linie", sagte sie.
„Von welcher Linie."
„Von der guten. Deine Mutter hat es dir mitgegeben."
Mehr sagte sie nicht, und es war auch nicht nötig, denn was sie meinte, lag in der Brut ringsum und ließ sich nicht aussprechen: dass eine Biene aus dieser Linie es roch, wenn unter dem Deckel die Milbe saß, und den Deckel öffnete und die Larve hinaustrug, ehe aus der einen Milbe zwei und aus zwei viele wurden. Die fremden Völker konnten das nicht. Diese Linie konnte es, seit langem, und die Königin gab es weiter, und die Drohnen aus ihr trugen es in sich wie etwas, das sie nicht verstanden und doch waren.
Eine Drohne aus dieser Linie hatte nur eine Aufgabe, und die Älteren sprachen sie nicht aus, weil jede sie kannte: dass sie eines Tages aufsteigen und hoch über dem Land eine Königin treffen würde, eine einzige, und ihr das mitgeben, was die Mutter ihr mitgegeben hatte, und dann nicht mehr zurückkommen.
An den warmen Abenden, wenn das Volk dichter saß, erzählten die Älteren, halblaut, wie man von etwas erzählt, das man selbst nie sehen wird, dass es Länder gebe, weit über dem Meer, wohin man vor langer Zeit Bienen verschleppt und mit ihnen die Milbe eingeschleppt habe, nicht nur einmal, und dass dort, eines Tages, vielleicht eine Tochter dieser Linie gebraucht werde. Die Drohne hörte zu und verstand das Meer nicht und die Länder nicht. Sie verstand nur das Flugloch und das Licht dahinter.
In den Wochen darauf wurde sie schwer und dunkel, und der Geruch um sie änderte sich, und an einem Mittag, als die Sonne voll auf dem Flugbrett lag, stieg sie zum ersten Mal auf.
Sie kannte das Land bald: den See unten im Grund, den Nebel, der morgens in ihm lag und gegen Mittag stieg, den Wald, der den Hang hinaufging, die Forststraße, die ihn schnitt, und die Schwarzföhren am Grat, die schon dunkel waren, wenn der See noch im Licht lag. Sie flog in großen, langsamen Bögen, wie es die Drohnen tun, ohne Eile, denn sie hatte keine Last zu tragen und kein Feld abzusuchen, und sie kehrte ein, wo es ihr gefiel. Im Sommer ließ jedes Volk eine Drohne herein, gleich aus welchem Stock sie kam; das war so, das war immer so gewesen. Sie schlief in fremden Gassen, roch fremde Königinnen, fand keine, die ihre war, und flog am Morgen weiter.
Es war ein leichtes Leben in diesen Wochen, und sie wusste nicht, dass es ein kurzes war. Sie ließ sich vom Wind hinauftragen über die Wiesen, wo die Wächterinnen aus den fremden Völkern an den Fluglöchern standen und sie heimkommen ließen wie eine der ihren, und am Abend hing sie satt und träg in einer Traube, die nicht ihre Traube war, und es machte keinen Unterschied. So flog es sich, von einem zum anderen, und der See darunter wechselte die Farbe, je nachdem, wie das Licht stand, und am Grat hörte das Brummen aus den Schuppen auf, wenn man weit genug hinaufkam, und es war nur noch der Wind.
Sie suchte eine Braut, hoch oben, dort, wo die Drohnen sich sammeln und auf das warten, was nur einmal kommt und nicht angekündigt wird. Sie war geduldig. Sie hatte Zeit, glaubte sie.
Sie kam an einem Abend zurück, und der Stand war leer.
Wo die Beute gestanden hatte, war ein helleres Viereck im Gras, und sonst nichts. Ein paar Nachzügler hingen noch an der Stelle in der Luft, ratlos, so wie sie. Von ihnen war zu erfahren, was geschehen war: dass am frühen Morgen ein Wagen gekommen sei, ein großer, und Männer, und dass sie die Beuten geladen hätten, eine nach der anderen, mit verschlossenem Flugloch, und fortgefahren seien, hinauf, in den Talkessel über dem See, zur Belegstelle. Dort, hieß es, stünden sie nun. Dort nenne man sie nicht mehr Völker, sondern Vatervölker, und ihre Drohnen seien dazu da, den jungen Königinnen das mitzugeben, das in ihnen war.
Die Drohne verstand. Sie verstand, dass die Königinnen, denen sie hätte begegnen sollen, nun oben warteten, im Kessel, wohin sie den Weg nicht wusste, und dass die eine Aufgabe, für die sie auf der Welt war, ohne sie geschehen würde, mit den Brüdern und ohne sie. Sie verstand auch, dass ihr ohnehin nur wenige Wochen blieben, ob sie aufstieg oder nicht, und dass es für eine Drohne kein Zurück gibt und kein Warten auf ein nächstes Jahr.
Am nächsten Morgen flog sie nicht zur Tracht und nicht zu den fremden Völkern. Sie flog hinauf.
Den Weg in den Kessel kannte sie nicht, also flog sie ihn ab, in Kreisen, wie sie alles abflog, und die Kreise wurden größer, Tag um Tag. Sie suchte bald nicht mehr nur den Kessel. Sie suchte die Mutter. Sie suchte die Brüder, mit denen sie geschlüpft war. Sie suchte die Halbschwestern, die am Flugbrett gestanden hatten, als sie zum ersten Mal aufgestiegen war, und je weiter sie kam, desto fremder roch das Land, und desto weniger fand sich darin, das sie kannte.
Es waren nun andere Wiesen unter ihr, andere Wälder, ein anderer Bach, der nicht in den See ging, und die Völker, an denen sie vorbeikam, standen anders, und die Königinnen rochen nach nichts, das sie anging. Sie flog gegen den Wind und mit dem Wind und im Bogen, und manchmal meinte sie etwas zu haben, einen Faden, dem sie nachging, bis er sich verlor und nichts blieb als die nächste Wiese und die nächste. Das leichte Leben war vorbei, und sie merkte es nicht als Schwere, sondern nur daran, dass sie nicht mehr einkehrte, wo es ihr gefiel, sondern dort, wo der Tag sie hinbrachte.
An einem Abend ließ man sie in ein Volk ein, weil es Abend war und kühl und weil man im Sommer eine Drohne einlässt. Sie blieb in der äußersten Gasse, am Rand der Wabe, und niemand dort kannte ihr Volk, und niemand kannte die Linie, und keine hielt inne, als sie vorüberging. Am Morgen flog sie weiter.
Am Abend darauf fing es an zu regnen, ehe sie ein Flugloch gefunden hatte. Sie hängte sich unter ein Blatt, hoch in einer Esche, und der Regen lief über das Blatt und nicht über sie, und sie wartete, bis es hell wurde. Unter ihr ging das Wasser durch das Laub, lange, und die Nacht war kalt für eine, die warm zu sitzen gewohnt war, im Volk, unter vielen. Eine Drossel sang, als der Regen nachließ, lange, und hörte wieder auf. Dann flog sie weiter.
Es war am vierten oder fünften Tag, sie zählte nicht mehr, dass der Wind sich drehte und ihr etwas zutrug, fein, kaum da, und doch von allem, was sie je gerochen hatte, das eine, das sie kannte.
Sie hielt in der Luft. Sie drehte gegen den Wind. Der Geruch kam aus dem Kessel, von oben, und er wurde stärker, je höher sie stieg, und dann sah sie es: Reihen kleiner Kästchen, weiß und blau, in Gras und unter Schwarzföhren, mehr, als sie zählen konnte, und dazwischen, größer und dunkler, die Beuten, die sie kannte. Auf einem Flugbrett standen die Schwestern und fächelten, die Hinterleiber gehoben, und trugen den Geruch in die Luft hinaus, weit, der Drohne entgegen.
Sie ging am Flugbrett nieder, schwer, und die Schwestern machten ihr Platz, und eine, die sie putzte, hielt einen Augenblick inne, so wie am ersten Morgen eine innegehalten hatte.
„Du bist zurück."
„Bin ich."
Im Kessel war es kühl und still. Ein alter Mann mit einer Filzkappe ging die Reihen der Kästchen ab, hob da und dort einen Deckel, sah hinein, setzte ihn wieder auf, und sprach mit niemandem, und die Bienen kümmerten sich nicht um ihn.
Am nächsten Vormittag, als die Sonne über den Grat kam und der Nebel aus dem Kessel stieg, wurde es warm genug.
Die Drohne saß schon am Flugbrett, ehe die anderen kamen. Sie lief ein Stück vor, kehrte um, lief wieder vor. Aus den kleinen Kästchen stiegen die jungen Königinnen, eine nach der anderen, die zum ersten Mal die Luft sahen, und mit ihnen stiegen die Drohnen, aus allen Beuten des Kessels, und die Drohne mit ihnen, hinauf, dorthin, wo die Luft dünn wird und der See unten klein und blau liegt.
Sie stieg höher, als sie je gestiegen war. Über ihr war eine, die das Licht anders brach, und sie flog ihr nach, mit allem, was sie hatte, und holte sie ein, dort oben, im Sammelgebiet über dem Kessel, und gab ihr, in einem einzigen Augenblick, was die Mutter ihr mitgegeben hatte.
Dann ließ es sie los, und sie fiel, und das Zeichen, das sie der Königin gegeben hatte, blieb an dieser, und die Königin flog weiter. Die Drohne fiel langsam, durch die warme Luft, und es war kein Ende darin, das sie merkte, nur das Licht und der weite Bogen hinunter.
Die Königin kam in den Kessel zurück, am Mittag, mit dem Zeichen, und ging in ihr Kästchen. Der alte Mann mit der Filzkappe sah es, als er am Abend den Deckel hob, und sagte nichts, und setzte den Deckel wieder auf.
Was die Königin weitertrug, ging im Sommer darauf über das Land, von Stand zu Stand, und im Jahr darauf über das Meer, dorthin, wo die Milbe gekommen war und geblieben, nach Australien, und zuletzt, zum ersten Mal, noch weiter, nach Kenia, wohin noch keine Tochter dieser Linie gegangen war.
Aber das wusste die Drohne nicht mehr. Sie lag im Gras unter den Kästchen, wo sie hingefallen war, und über ihr, am Flugbrett, hoben die Schwestern die Hinterleiber und fächelten den Geruch in die Luft hinaus, für die, die noch unterwegs waren.