28. Juni 2026

Die Lage

Zwei Imker, am selben Tag begonnen, zwei Belegstellen und der jahrelange Streit um Zahlen, Förderung und eine Züchterin, bis einer von außen beide zusammendenken will.

Illustration zu Die Lage mit Belegstelle, Bergkessel und Bienenvölkern

Karl fand den Namen im Verbandsblatt, auf Seite neun, unter den Mitteilungen aus den Bezirken. Die Belegstelle Steineck, stand dort, bekomme ab dem nächsten Frühjahr einen neuen Wart, und der neue Wart hieß Ludwig.

Er las die Zeile zweimal. Dann legte er das Heft auf den Küchentisch, neben die Brille, und sah eine Weile hinaus, wo der Nebel im Tal stand und sich nicht rührte.

Sie hatten im selben Jahr angefangen, er und Ludwig, im selben März, jeder mit zwei Ablegern, die ihnen ein alter Mann aus Sankt Konrad überlassen hatte, weil er aufhörte und keinen Sohn dafür hatte. Sie hatten alles miteinander gelernt, weil keiner von ihnen sonst jemanden hatte, den er hätte fragen können. Ludwig hatte ihm gezeigt, wie man ein Stiftbild liest und ob ein Volk weiselrichtig sei, ohne die Königin zu suchen. Karl hatte Ludwig beigebracht, eine Königin zu zeichnen, ohne ihr mit dem Plättchen die Flügel zu verkleben. Sie hatten in zwanzig Jahren keinen Frühling versäumt, in dem sie nicht wenigstens einmal nebeneinander an einer offenen Beute gestanden wären, die Köpfe über demselben Rähmchen. Den ersten Schwarm, der einem von ihnen ausgezogen war, hatten sie zu zweit aus einer Schwarzföhre geschüttelt, und den ersten Winter, in dem ein Volk eingegangen war, hatten sie zu zweit auf der Bank vor Karls Hütte abgesessen und nichts geredet.

Von der Bewerbung hatte Ludwig nichts gesagt. Karl hatte es aus der Zeitung.

Es vergingen vier Jahre, in denen sie höflich blieben. Sie grüßten einander auf der Generalversammlung, sie tranken danach ein Glas, sie sprachen über das Wetter und über die Tracht und nicht über Steineck. Ludwigs Belegstelle lag gut, das musste man ihm lassen, hoch und weit weg von fremden Drohnen, in einem Kessel, in den von keiner Seite etwas hereinflog, was nicht hereingehörte. Die Begattungsergebnisse waren sauber. In der Zeitung standen seine Zahlen, und seine Zahlen waren ordentlich.

Dann suchte die Belegstelle Rabenleithen einen neuen Wart, drüben am Rand des Mühlviertler Waldes, und Karl bewarb sich noch am selben Abend, an dem es ausgeschrieben wurde. Er sagte Ludwig nichts davon. Er wusste, dass Ludwig es auf Seite neun lesen würde, so wie er selbst es gelesen hatte, und er ließ es dort stehen und sagte nichts.

Von da an ging es um die Zahlen.

Es ging darum, wer im Frühjahr die meisten Vatervölker auffuhr, denn danach maß man eine Belegstelle, nach den Vatervölkern, die ihre Drohnen über das Sammelgebiet schickten. Ludwig hatte vierundzwanzig im ersten Jahr. Karl fuhr im zweiten sechsundzwanzig auf und ließ die Zahl in die Bestandsmeldung schreiben, wo sie jeder lesen konnte. Es ging darum, wer in der Zuchtwertschätzung weiter vorne stand, wessen Linie im Hygieneverhalten besser abschnitt, wessen Töchter beim Nadeltest die Zelle schneller öffneten und ausräumten. In den Tabellen im Imkerheft suchte jeder zuerst die Zeile des anderen.

Es ging, wenn man ehrlich war, am Ende auch um die Förderung, um die paar Hundert Euro, die der Landesverband den anerkannten Belegstellen zahlte. Karl sagte einmal bei einem, von dem er wusste, dass es weitergetragen würde, der Ludwig bekomme für die paar Völker mehr, als ihm zustehe. Es wurde weitergetragen. Es kam zurück, dass Ludwig dasselbe über ihn gesagt habe.

Sie standen jetzt nicht mehr nebeneinander an einer offenen Beute. Wenn auf der Generalversammlung der eine ans Mikrofon ging, ging der andere hinaus, eine rauchen, obwohl er nicht rauchte. Früher hatte einmal im Jahr das Telefon geläutet, an einem Abend im Februar, am ersten warmen, an dem die Bienen ihren Reinigungsflug machten, und der eine hatte dem anderen nur gesagt, sie fliegen, und mehr hatten sie nicht gebraucht. Das Telefon läutete nicht mehr. Den Reinigungsflug sahen sie jetzt jeder für sich, jeder auf seinem Stand, und wer von ihnen zuerst gesehen hatte, dass die Völker flogen, das wusste keiner, weil keiner es dem anderen mehr sagte.

Im dritten Jahr kam Karin.

Sie züchtete ernsthaft, das sah man, sie kam mit ihren Begattungskästchen sauber beschriftet und gestapelt im Kofferraum, jede Linie für sich, und sie stellte genaue Fragen: wie weit der nächste fremde Stand entfernt sei, wie die Auffuhr der Vatervölker geregelt werde, wie lange die Kästchen oben stehen blieben. Sie fuhr in jenem Jahr auf Steineck zu Ludwig.

Karl erfuhr es, wie er alles erfuhr, aus zweiter Hand. Eine Züchterin aus Linz, hieß es, eine, die wisse, was sie tue, sei zu Ludwig nach Steineck hinauf. Er sagte nichts dazu. Er rechnete es Steineck zu, der Lage, dem Kessel, in den nichts hereinflog, und er ärgerte sich, dass er sich ärgerte.

Im Jahr darauf kam Karin nach Rabenleithen.

Sie kam mit demselben sauber beschrifteten Kofferraum, sie stellte dieselben genauen Fragen, und Karl beantwortete sie und führte sie zum Stand und zeigte ihr das Sammelgebiet und freute sich, ohne dass er es sich eingestand, eine ganze Woche lang. Es hieß dann, sie sei von Steineck weg, weil ihr die Begattungsergebnisse drüben nicht gefallen hätten. Ob das stimmte, wusste niemand. Sie selber sagte es nicht; sie holte ihre Kästchen ab, bedankte sich und fuhr ins Tal.

Was sicher war: Ludwig erfuhr es auch. Und von da an war Karin keine Züchterin mehr, sondern ein Urteil. Wenn sie kam, hatte einer von ihnen recht behalten. Wenn sie ging, hatte der andere etwas falsch gemacht. Sie wussten es beide, und keiner sagte es, und es war das Schlimmste, was bis dahin zwischen sie gekommen war, schlimmer als die Zahlen, schlimmer als die Förderung, weil es nichts mehr mit den Bienen zu tun hatte.

Die Tagung war im November, im großen Saal des Lagerhauses am Stadtrand, und sie waren beide hingefahren, jeder für sich, jeder im eigenen Wagen.

Es sprach am Vormittag ein junger Mann aus dem Bundesverband, einer mit Folien und einem Zeigestab aus Licht, und er sprach über Effizienz und über Konsolidierung und über die Zukunft der Reinzucht, und die Zukunft der Reinzucht war für ihn die instrumentelle Besamung. Die Standbegattung, sagte er, sei ein schönes Erbe. Aber man werde doch die Frage stellen dürfen, ob das Land so viele kleine Belegstellen brauche, Stationen mit zwanzig, dreißig Vatervölkern, die einander zum Teil in einer halben Autostunde erreichbar lägen. Er zeigte eine Karte. Auf der Karte waren Punkte, und unter den Punkten standen Namen, und zwei der Namen waren Steineck und Rabenleithen, und er sagte, man könne, rein von der Lage her, durchaus überlegen, ob man solche zwei nicht eines Tages zusammendenke.

Karl saß in der achten Reihe. Ludwig saß, das sah er, in der dritten. Im Saal saßen noch andere, die kleine Belegstellen führten, oben in den Tälern, jeder mit seinen zwanzig, dreißig Völkern, und es wurde still auf eine Art, die Karl von Begräbnissen kannte, wenn der Pfarrer etwas sagt, das alle angeht und keiner gemeint haben will. Keiner von ihnen sagte etwas.

In der Pause traten sie hinaus, weil drinnen die Luft stand, und es ergab sich, dass sie nebeneinander am Geländer standen, vor dem Saal, jeder mit einem Pappbecher Kaffee, und auf den Parkplatz hinaussahen und auf das nasse Feld dahinter.

„Der hat die Lage nicht gesehen", sagte Karl.

„Der hat keine von beiden gesehen", sagte Ludwig.

„Zusammendenken."

„Zusammendenken", sagte Ludwig, und es klang, wie wenn man etwas ausspuckt.

Eine Weile sagten sie nichts. Auf dem Feld stand eine Krähe und ging ein paar Schritte und blieb wieder stehen.

„Wie viele hast du heuer aufgefahren?", fragte Ludwig.

„Dreißig", sagte Karl.

„Ich achtundzwanzig."

„Dann bist du ja knapp dahinter."

„Knapp", sagte Ludwig, und zum ersten Mal seit Jahren war in dem Wort kein Stachel, sondern etwas, das beinahe wie früher war, wie an der offenen Beute, die Köpfe über demselben Rähmchen.

Drinnen klingelte es zur Fortsetzung. Sie blieben noch stehen, bis die Becher leer waren.

Im Frühjahr lud Ludwig zum Belegstellenfest auf Steineck, wie jedes Jahr, und zum ersten Mal seit Jahren ging Karl hinauf, eine Flasche Met im Rucksack, und sah sich den Kessel an, in den von keiner Seite etwas hereinflog, und sagte, das müsse er ihm lassen, die Lage sei gut.

„Bei dir auch", sagte Ludwig.

„Bei mir auch", sagte Karl.

Sie besuchten einander von da an. Sie maßen sich weiter, jeden Frühling, an den Vatervölkern und an den Zuchtwerten und an den paar Hundert Euro, aber sie maßen sich so, wie man sich misst, wenn man weiß, dass der andere am selben Tag angefangen hat wie man selbst, mit denselben zwei Ablegern aus Sankt Konrad, und dass es außer ihm keinen gibt, der die Hänge so kennt und die Kessel und die Lage.

Karin kam in jenem Frühjahr weder nach Steineck noch nach Rabenleithen. Es hieß, sie habe aufgehört, oder sie sei weggezogen, hinunter ins Flache, wo es keine Belegstellen gab. Genaues wusste niemand. Sie sprachen nicht von ihr. Es war, als hätte das, worüber sie sich beinahe verloren hätten, nie einen Namen und ein Auto und einen sauber beschrifteten Kofferraum gehabt, sondern wäre nur ein Wetter gewesen, das vorübergezogen war.

Auf dem Heimweg von Steineck, im letzten Licht, blieb Karl an der Stelle stehen, wo die Forststraße den Grat überquert und man in beide Täler hinuntersieht, in seines und in Ludwigs, und er schaute eine Weile, und dann ging er weiter.