04. Juni 2026
Die Liste
Vierundzwanzig Namen, ein fehlender Reinzüchter und eine Datei, die niemand noch einmal öffnet.
Egon zählte. Es war das Erste, was er tat, wenn das Heft kam, noch ehe er aufsperrte: er legte es auf den Ladentisch zwischen die Stockmeißel und die Mittelwandpakete, schlug die mittleren Seiten auf, wo die Liste der anerkannten Reinzüchter stand, und fuhr mit dem Daumennagel die Spalte hinab, Name um Name, Zuchtbuchnummer um Zuchtbuchnummer, bis ganz unten.
Vierundzwanzig.
Im Frühjahr waren es fünfundzwanzig gewesen. Er zählte ein zweites Mal, langsamer, und kam wieder auf vierundzwanzig, und beim dritten Mal sah er, welcher Name fehlte. Der Aigner. Die Linie vom Aigner, oben am Hang über Sankt Konrad, stand nicht im Heft.
Egon kannte die Liste. Das war seit Jahren seine Sache, weil er den Draht zur Druckerei hatte und weil es sich so eingespielt hatte: die Züchter meldeten ihm ihre Daten, er trug sie zusammen, schickte die Datei an die Geschäftsstelle, und die gab sie weiter zum Setzen. So lief es. So war es immer gelaufen.
Er wusste auch das andere. Er wusste, wer wie viele Völker gemeldet hatte, im ganzen Bezirk, und wo er selbst dabei stand. Er wusste, dass der Penninger heuer mit zwei Linien in der Liste war und er mit einer, und er hatte es nicht vergessen. Er wusste, dass es Jahre gegeben hatte, in denen er weiter oben gestanden war. Wenn auf der Generalversammlung einer einen Preis bekam, rechnete Egon im Kopf den Ertrag pro Volk nach, und meistens kam dabei heraus, dass es so besonders nicht gewesen war.
Jetzt schaute er auf die vierundzwanzig Namen und dachte nicht an die Datei, die er geschickt hatte. Er dachte an die anderen.
Der Aigner rief am Abend an.
„Egon", sagte der Aigner. „Ich steh nicht drin."
„Ich seh's."
„Voriges Jahr bin ich drin gestanden. Heuer nicht."
„Ich weiß."
„Und?"
Egon sagte eine Weile nichts. Draußen war es schon dunkel, der Laden roch nach Wachs und Karton, und das Heft lag aufgeschlagen unter der Lampe.
„Da hat einer was gemacht", sagte Egon.
„Wer?"
„Das krieg ich raus."
In der Geschäftsstelle in Linz war Samstag, und Aloisia war trotzdem da. Es war eine gute Woche gewesen. Am Mittwoch das Bezirkstreffen in Linz-Land, voll bis hinten, und ein Bua aus Zeidlersberg, zweiundzwanzig Jahre, drei Völker, der im nächsten Jahr zur Belegstelle wollte. Am Donnerstag die Nachricht aus Wien, dass es mit der Einfuhrgenehmigung für Australien weiterging, dass die Papiere durch waren, dass im Sommer die ersten Königinnen fliegen durften, Carnica aus Oberösterreich, einmal um die halbe Welt, dorthin, wo sie die strengsten Einfuhrbestimmungen hatten, die es gab. Hubert hatte es zweimal gelesen, ehe er es geglaubt hatte.
Jetzt saß er neben Aloisia, und sie gingen durch, was im Juli verschickt werden sollte: die Zuchtbuchnummern, die Begattungsnachweise, die Versandkäfige, die Begleitbienen, das Veterinärzeugnis, das auf Englisch sein musste und das keiner von ihnen je auf Englisch hatte ausstellen müssen.
Dann kam die Mail von Egon.
Aloisia las sie und schob den Laptop ein Stück zu Hubert hinüber.
Egon schrieb, die Liste sei gekürzt worden. Ein Reinzüchter fehle, der Aigner, und das sei kein Versehen, denn ein Versehen sei so etwas nie. Jemand habe Hand angelegt. Er, Egon, habe die Liste vollständig abgeschickt, das könne er beschwören, und wenn sie nun gekürzt im Heft stehe, dann habe das einer in der Geschäftsstelle so gewollt, und er wolle wissen, wer, und warum man dem Aigner eins auswischen wolle, und ob das die neue Art sei, wie man hier mit verdienten Imkern umgehe.
Hubert las es und sagte nichts. Er las die Verbandszeitung nicht. Er hatte sie nie gelesen, in keinem der Jahre, die er Obmann war; er machte die Arbeit, das Heft machten andere.
„Hast du was an der Liste geändert?", fragte er.
„Ich hab die Liste nie in der Hand gehabt", sagte Aloisia. „Die geht von Egon an die Theresa zum Setzen. Ich gib sie nur weiter."
„Dann fragen wir die Theresa."
Die Theresa setzte das Heft seit elf Jahren. Sie rief am Sonntagvormittag zurück, irgendwo von daheim, Kinder im Hintergrund.
„Gekürzt?", sagte die Theresa. „Ich kürz nichts. Ich setz, was kommt. Wenn ich was wegnehmen müsst, würd ich nachfragen, das weißt du."
„Ich weiß."
„Ich hab die Datei genommen, die der Egon geschickt hat, und die hab ich eins zu eins ins Heft gesetzt. Schau in die Datei."
Aloisia legte auf und ging in den Mailordner und suchte die Datei, die Egon im März geschickt hatte. Sie öffnete sie. Sie zählte.
Vierundzwanzig.
Der Aigner war nicht drin. Er war auch in der Datei nicht drin, die Egon selbst geschickt hatte, an einem Montag im März, mit dem einen Satz: hier die Liste, danke.
Aloisia saß eine Weile und schaute auf die vierundzwanzig Namen. Dann scrollte sie noch einmal ganz nach unten, ob vielleicht eine Zeile abgeschnitten war, ob der Aigner unter dem Seitenrand stand, wo man ihn übersah. Da war nichts. Vierundzwanzig, und dann das Weiß.
Sie überlegte, ob sie es Hubert sagen sollte. Sie überlegte, ob sie es Egon sagen sollte. Die Datei, die du geschickt hast, war schon kurz. Der Aigner war bei dir schon nicht drin.
Sie sagte es nicht. Noch nicht.
Hubert schrieb am Sonntagabend eine Antwort. Er schrieb sie schnell, in einem Zug, und es stand viel darin, das wahr war: dass er die Liste nie gesehen habe, dass die Geschäftsstelle nichts gekürzt habe, dass die Theresa setze, was komme, und dass man die Datei vom März nachschauen könne, wenn man wolle. Es stand auch das darin, was er sonst nicht schrieb: dass sie eine gute Woche gehabt hätten, dass am Donnerstag die Papiere durchgegangen seien, dass er am Sonntag in Molln gewesen sei und Aloisia in Sankt Oswald, dass sie das ganze Wochenende arbeiteten und am Montag Besuch in den Verband komme, und dass er sich frage, wofür das alles, wenn einer das Heft aufschlage und nichts darin sehe als das, was fehle.
Er las es zweimal. Dann markierte er alles und drückte die Taste, und das Feld war wieder leer, der Cursor blinkte vorn, und er ließ es so.
„Du antwortest nicht?", fragte Aloisia.
„Wie der Schelm denkt", sagte Hubert, „so ist er." Mehr sagte er nicht, und sie gingen zurück zu den Königinnen, die im Juli fliegen sollten.
Egon bekam keine Antwort.
Er wartete den Montag ab und den Dienstag, und als nichts kam, war ihm das Beweis genug. Wer nicht antwortet, hat etwas zu verbergen; das hatte er immer so gehalten. Er erzählte es dem Aigner, und er erzählte es dem, der bei ihm die Mittelwände holte, und beiden erzählte er es so, dass am Ende einer in Linz dastand, der eine Liste gekürzt hatte, aus Gründen, die Egon nicht nannte, weil er sie nicht wusste, und die er sich darum dachte.
Die Datei vom März lag auf seinem Rechner, im Ordner Listen, wo sie seit dem Montag lag, an dem er sie geschickt hatte. Er machte sie nicht auf. Es gab keinen Grund, sie aufzumachen. Er wusste ja, was drinstand.
Vierundzwanzig Namen standen darin, und darunter, wo der Aigner hätte stehen sollen, das Weiß. Aber so weit hinunter scrollte Egon nicht.