04. Juni 2026
Die Stolze
Eine besondere Königin, ihre Linie und ein Brummen, das bis auf die andere Seite der Welt reicht.
Sie flog aus an einem der ersten stillen Nachmittage, als der Nebel über dem See schon am Vormittag gewichen war und die Luft über dem Sammelgebiet ohne eine Bewegung stand. Konrad hatte die Kästchen am Morgen durchgesehen, eines nach dem anderen, so wie seit vielen Jahren, und vor dem ihren war er einen Atemzug länger stehen geblieben, ohne dass er hätte sagen können, weshalb.
Es waren vierhundert in diesem Sommer, die oben standen, in Reihen unter den Schwarzföhren, jedes Kästchen mit seinem Völkchen und seiner Königin, und kein Fremder hätte das eine vom anderen unterschieden. Konrad unterschied sie doch. Er hatte über die Jahre gelernt, an der Art, wie die Bienen am Flugloch standen, zu lesen, was drinnen vorging, und an diesem Kästchen standen sie ruhig, fast als warteten sie auf etwas.
In seinem ersten Jahr hier oben waren es hundertachtzig gewesen. Er sagte das niemandem mehr, weil die Jungen es nicht glaubten und die Alten es ohnehin wussten, aber er dachte es jeden Morgen, wenn er die Reihen abging, an den Drohnenvölkern vorbei, die am Hang standen, das ganze Sammelgebiet versorgten und für sich genommen niemandem auffielen. Es fiel nur auf, wenn es einmal nicht stimmte. Wenn es stimmte, sah man nichts, und es war seine Arbeit, dass man nichts sah.
Ihre Mutter kam aus Guglhör, von einer Station, deren Namen man weit über die Grenze hinaus kannte, ihr Vater aus der Steiermark, von einem, der seine Linie führte, wie ein anderer einen Hof führt. Beide hatten sich der Milbe erwehrt, nicht mit der Säure allein, sondern im Brutnest selbst, indem die Bienen die befallene Brut aufspürten, aufrissen und hinaustrugen, ehe sich die Milbe darin vermehren konnte. Es war ihnen in die Linie gezüchtet, über Jahre, und es war an die Tochter weitergegangen, so wie eine Gangart weitergeht oder eine Art, den Kopf zu halten.
Am frühen Nachmittag flog sie. Sie stieg über die Reihen, über die Schwarzföhren, in das Sammelgebiet hinauf, wo die Drohnen der Station warteten, die Söhne ausgesuchter Völker, hundertfach, und nahm dort auf, wofür drei Generationen gearbeitet hatten. Konrad sah es nicht. Niemand sah das. Man sah nur, dass eine Königin ausflog und wiederkam, und wenn man Glück hatte, sah man am dritten oder vierten Tag das, woran man erkannte, dass es gut gegangen war.
Sie kam wieder. Sie trug das Zeichen, hell, am Hinterleib, das Begattungszeichen, das am nächsten Tag verschwunden sein würde und das Konrad an diesem einen nicht übersah. Er notierte nichts Besonderes. Er schrieb in das Heft, was er bei allen schrieb, das Datum, die Nummer, einen Haken. Aber vor dem Kästchen blieb er wieder einen Atemzug länger stehen.
Johann holte sie an einem Samstag.
Er fuhr früh, der Innviertler Nebel hing noch in den Senken, und als er oben war, stand Konrad schon bei den Kästchen, die Filzkappe im Nacken, den Stockmeißel in der Hosentasche.
„Grüß dich, Konrad."
„Johann."
„Welche ist es?"
„Die in der dritten Reihe."
„Die aus Guglhör."
„Die aus Guglhör", sagte Konrad. „Pass auf die auf."
Mehr sagten sie nicht. Johann trug das Kästchen zum Wagen, stellte es in den Schatten hinter den Sitz und fuhr hinunter, langsamer als sonst, so wie man fährt, wenn hinter einem etwas steht, das man nicht umwerfen will. Die Forststraße war ausgewaschen vom Regen der Vorwoche, und er nahm jede Rinne einzeln, im ersten Gang, und sah immer wieder in den Spiegel, in dem nichts zu sehen war als ein Kästchen aus Holz.
In Weilbach ließ er ihr Zeit. Er gab sie in ein Volk, das er für sie hergerichtet hatte, weiselrichtig, ruhig, mit Platz, und in den Tagen darauf ging er öfter zum Stand hinunter, als er sich eingestand, und tat doch nur, was zu tun war: hörte am Flugloch, hob den Deckel nicht. Maria hätte gefragt, ob er schon wieder hinuntergehe, und er hätte gesagt, nur kurz, und wäre doch lange geblieben. Maria fragte nicht mehr. Erst nach einer Woche zog er die erste Wabe.
Sie hatte begonnen. Das Stiftbild war geschlossen, Zelle an Zelle, ohne Lücke, von der Mitte nach außen, wie es im Buch stand und wie es selten so stand, dass man es sich merkte. Johann hielt die Wabe gegen das Licht, drehte sie, hängte sie zurück. Er war an die siebzig, er hatte über vierzig Jahre Bienen am selben Hang gehabt, und es gab nicht mehr viel, was ihn überraschte. Dieses Bild überraschte ihn nicht. Aber er schob die Filzkappe zurück und blieb stehen, die Hände am Beutendeckel, und der Schuppen brummte, und unten am Bach schlug eine Drossel, und er ließ sich Zeit, ehe er zumachte.
Auf der vierten Wabe fand er sie. Sie ging über das Brutnest, größer als ihre Töchter, dunkler am Rücken, und wo sie hinkam, machten die Bienen ihr Platz und wandten sich ihr zu, ein Kreis, der mit ihr ging und sie nie aus der Mitte ließ. Sie prüfte jede Zelle, ehe sie den Hinterleib senkte, einen Augenblick lang, als wäre keine wie die andere, und legte, und ging weiter. Es war keine Hast darin und keine Mühe; es war die Ruhe dessen, für das alles bereitet worden war — die Mutter aus Guglhör, der Vater aus der Steiermark, der eine Nachmittag über dem Offensee — und das nun tat, wofür all das gewesen war. Sie ging nicht über die Wabe, wie eine Biene über eine Wabe geht. Sie ging darüber, als gehörte ihr die Wabe und der Stand und der Hang und der Nachmittag. Johann hielt das Rähmchen still, damit er sie nicht störte, und sah ihr nach, wie sie den Kopf trug, und schaute länger, als zu schauen war.
Sie legte den ganzen Sommer, ohne nachzulassen. Wabe um Wabe, Honigraum um Honigraum, das Brutnest immer voll, immer geschlossen, während ringsum die anderen Völker im Juli schon abblühten. Die Nachbarn kamen über den Zaun und schauten, und Johann sagte wenig dazu. „Eine gute", sagte er. „Vom Offensee." Mehr nicht.
Im Hochsommer setzte er ihr eine Drohnenwabe ein.
Er tat es nicht aus Spielerei. Er hatte mit dem Institut telefoniert, kurz, in seiner Art, und das, was er gehört hatte, behielt er für sich, bis es so weit war. Die Wabe füllte sich, und nach den Arbeiterinnen kamen die Drohnen, breit und satt, dunkler als die Schwestern, und Johann sah ihnen nach, wenn sie am frühen Nachmittag ausflogen, in Schwaden, mit dem tiefen Ton, an dem man sie schon von weitem erkannte.
Es war eine Sache, die er nie laut sagte, weil sie sich nicht laut sagen ließ. Ihre Töchter trugen sie und die Drohnen vom Offensee, beides, gemischt. Ihre Söhne aber trugen nur sie. Was an Vater und Mutter in ihr steckte, an Guglhör und an der Steiermark, an dem, was die Bienen im Brutnest gelernt hatten, das gaben die Drohnen weiter, unverdünnt, nichts sonst. Eine Königin gab ihre Linie durch die Söhne weiter. Das stand in keinem Imkerheft so, dass es einen rührte, und Johann hätte sich gehütet, es so zu sagen. Aber er setzte ihr die Drohnenwabe ein, und er ließ die Drohnen fliegen, und er wusste, weshalb.
Theresa kam an einem Mittwoch, mit dem Wagen vom Institut und einem Köfferchen, das sie selbst trug.
Sie war jung, sie arbeitete an der Linie, an der sie alle arbeiteten, und sie ging zum Stand hinunter, als hätte sie ihn schon gekannt, und das mochte Johann, ohne dass er es zeigte.
„Du bist der Johann."
„Bin ich."
„Die Drohnen stehen?"
„Die stehen."
Sie holte die Wabe heraus, ohne Hast, und nahm die Drohnen ab, einen nach dem anderen, und was sie tat, tat sie über dem kleinen Tisch, den sie mitgebracht hatte, mit Geräten, von denen Johann die Namen nicht alle wusste und nach denen er nicht fragte. Er stand daneben, die Kappe im Nacken, und sah zu, wie ein Mann zusieht, der vierzig Jahre lang gewusst hat, was zu tun ist, und nun einer anderen zusieht, die etwas weiß, das er nicht weiß.
„Drüben haben sie die Milbe jetzt auch", sagte sie, ohne aufzusehen.
„Australien."
„Australien. Sie haben sie spät bekommen. Jetzt suchen sie, was hilft."
„Und das hilft."
„Das hier", sagte Theresa, und zum ersten Mal hielt sie inne, „das hat sich erwehrt, bevor die anderen die Milbe überhaupt kannten. Das hilft."
Sie arbeitete weiter, ruhig, mit Geräten, von denen Johann die Namen nicht alle wusste und nach denen er nicht fragte. Was bei ihm vierzig Jahre an einem Hang gewesen war, an einer Beute, an einem Bach, das ging bei ihr durch ein Köfferchen und über ein Meer, und keines war mehr als das andere, dachte er, es war nur das eine das Ende vom anderen.
„Wie lange bist du dabei", fragte er.
„Sechs Jahre."
„Und es taugt dir."
„Es taugt mir", sagte sie, und sah dabei nicht auf, und das gefiel ihm besser als jede längere Antwort.
Johann sah über den Zaun, über die Wiese, über den Bach, an dem die Esche stand. Es war ein Hügel im Innviertel, schmal, einer von vielen, und er hatte sein Leben darauf verbracht. Was hier begonnen hatte, am Offensee, bei Guglhör, in der Steiermark, würde fliegen, wo er nie sein würde, über Land, von dem er sich keine Vorstellung machte, über Weiden, deren Namen er nie hören würde.
„Pass darauf auf", sagte er.
„Mach ich", sagte Theresa. „Hat der Konrad auch gesagt."
Das Köfferchen ging am Freitag fort, gekühlt, mit Papieren, über die ein anderer wachte. Johann hatte das Datum nicht in den Kalender geschrieben. Er behielt es trotzdem.
Der August ging in den September, der erste kühle Nebel stand wieder am Morgen in den Senken, und sie legte noch immer, schmaler jetzt, dem Jahr nach, aber geschlossen, ohne Lücke. Johann zog im Herbst die letzte Wabe, hielt sie gegen das müde Licht, hängte sie zurück. Er machte zu, langsam, und der Schuppen brummte, wie er immer gebrummt hatte.
Drüben war Frühling. Es war ihm nicht auszurechnen und doch klar: während er hier den Deckel auf die Beute legte, gingen dort die Tage erst auf, und über einer Weide, deren Namen er nie wissen würde, flog die erste Generation, die noch nichts von Offensee gehört hatte und sie doch trug — die Gangart, die Art, den Kopf zu halten.
Er blieb stehen, die Hand am Deckel. Unten schlug keine Drossel mehr. Es war still über dem Hang, und es brummte im Schuppen, und ein wenig, dachte er, und sagte es nicht, brummte es jetzt auch auf der anderen Seite der Welt.