04. Juni 2026

Die Streifen

Acht grüne Beuten, eine Schachtel ohne Aufschrift und die Stille, die im Februar nicht sein darf.

Illustration zu Die Streifen mit Bienenstand, Wiesenlandschaft und ausfliegenden Bienen auf Papier

Am ersten Samstag im August nahm Karl die Honigräume ab, einen nach dem anderen, und es war wie in jedem Jahr der Tag, an dem ihm der Sommer schon vergangen vorkam, obwohl die Hitze noch über den Wiesen stand und in den Mittagsstunden kein Lüftchen ging. Er trug die Räume in den Schuppen, kehrte die paar Bienen ab, die mitgekommen waren, und holte aus dem Eck die Schwammtücher und den Kanister. Viel Arbeit war es nicht, wenn man es jedes Jahr gleich machte, und Karl machte es jedes Jahr gleich: das Tuch getränkt, in die leere Zarge gelegt, den Deckel darauf, das Datum auf den Block geschrieben, der an einem Nagel im Schuppen hing und auf dem die Daten untereinanderstanden, viele Jahre lang, mit Bleistift. Es war heiß im Schuppen, die Säure biss in der Nase, und er machte die Tür auf, damit es zog, und wartete, bis die Tücher genug gezogen hatten, ehe er sie hineinlegte.

Drüben am Hang, jenseits der Bruchsteinmauer und des Zauns, standen Florians Beuten, acht Stück, grün gestrichen, das Grün an den Ecken abgeblättert. Florian war draußen, etwas bewegte sich zwischen den Kästen, aber Karl rief nicht hinüber. Man rief nicht jedes Mal.

Es dauerte nicht lange, da kam Florian über die Wiese herauf, an der Mauer entlang, und blieb am Zaun stehen.

„Du fängst spät an", sagte Florian.

„Wie immer", sagte Karl.

„Ich bin schon durch."

Karl richtete sich auf. „Mit der Säure?"

Florian schüttelte den Kopf. „Mit was Besserem."

Karl sagte nichts und tränkte das nächste Tuch.

„Streifen", sagte Florian. „Einhängen, hängen lassen, fertig. Kein Geruch, kein Verdunsten, kein Volk, das dir abraucht, weil's zu heiß war. Du stehst da bei dreißig Grad mit deiner Ameisensäure und hoffst, dass es die Königin nicht erwischt, und ich hab schon Feierabend."

„Was für Streifen", sagte Karl.

„Gute", sagte Florian. „Einer macht sie. Der weiß, was wirklich hilft, und nicht das, was sie dir im Verein vorbeten."

Karl sah auf den Block am Nagel, auf die Reihe der Daten. „Und der Milbenfall?", fragte er.

„Was soll mit dem sein", sagte Florian. „Tot ist tot."

An einem der nächsten Abende ging Karl hinüber, weil Florian ihm einen Rahmen schuldete und weil es kühl geworden war und gut zum Reden, so wie es im August am Abend gut zum Reden ist, wenn die Hitze von den Wiesen weicht und der Wald dunkel wird, bevor der Himmel es tut. Florian saß auf der Bank vor der Hütte, und neben ihm auf dem Brett lag eine Schachtel, eine flache, ohne Aufschrift, mit Klebeband zugemacht und wieder aufgemacht.

„Da", sagte Florian und schob sie ein Stück zu ihm hin. „Schau's dir an."

Karl schaute. Streifen, in Folie, mehr sah man nicht.

„Stärker als das, was du kriegst", sagte Florian. „Doppelt, hat er gesagt. Greift, wo die anderen Sachen längst nicht mehr greifen, weil die Milbe ja auch nicht dumm ist."

„Wer ist er", sagte Karl.

„Einer", sagte Florian. „Kommt in der Dämmerung, wenn er kommt. Du zahlst bar, du nimmst, was du brauchst, und es steht nirgends, dass du es genommen hast." Er lachte kurz. „Im Verein würden sie schön schauen."

„Billig ist er nicht", sagte Florian, als hätte Karl gefragt. „Aber rechne dir aus, was dich ein Volk kostet, das dir wegstirbt. Dann ist er billig."

Karl schob die Schachtel zurück. „Es steht nichts drauf", sagte er.

„Muss nichts draufstehen", sagte Florian. „Es wirkt. Das ist das Einzige, was draufstehen müsste."

Der erste Stern stand schon über dem Wald, und aus Florians Beuten kam das Abendbrummen herauf, satt und gleichmäßig, wie es im August klingt, wenn die Völker stark sind und noch von nichts wissen.

„Es wirkt", sagte Florian noch einmal, und Karl ging heim, ohne den Rahmen, weil keiner mehr daran gedacht hatte.

Im Dezember, in den Tagen vor Weihnachten, kam die Kälte, und mit ihr die Brutfreiheit, und Karl wartete nicht lange. Er nahm die Oxalsäure an einem Tag, an dem es nicht über null ging und die Völker eng in der Traube saßen, hob jeden Deckel nur einen Spaltbreit und träufelte in die Gassen, von Volk zu Volk, und schrieb das Datum auf den Block. Der Atem stand ihm weiß vor dem Gesicht, und es war ganz still am Stand, nur das feine Rauschen der Wintertraube, wenn man das Ohr an die Beute legte, und drüben über dem Wald hing der Nebel, der morgens nicht weggegangen war.

Florian war auch draußen, drüben, aber er hob keinen Deckel.

„Du brauchst das nicht?", rief Karl über den Zaun.

„Wozu", rief Florian zurück. „Ich hab im Sommer behandelt. Doppelt so stark wie du. Da ist nichts mehr drin."

Karl träufelte fertig, machte zu und ging an den Zaun.

„Beim Institut sagen sie", sagte er, „dass die Milbe lernt. Dass sie's überlebt, wenn man's halb macht, und dass die, die übrig bleiben, dann die zähen sind. Die Bienen werden schwächer und die Milben stärker, Jahr für Jahr, und am Ende lernen die zwei, miteinander zu leben. Nur dass die Biene das nicht überlebt."

„Beim Institut sagen sie viel", sagte Florian. „Die wollen, dass du kaufst, was sie verkaufen."

„Es ist vorgeschrieben", sagte Karl.

„Vorgeschrieben", sagte Florian und sah über den Hang, wo der Reif auf den Halmen lag und nicht weichen wollte. „Vorgeschrieben ist viel."

Der erste warme Tag kam Anfang Februar, ein Sonntag, mit einer Sonne, die schon Kraft hatte, und Karl ging hinaus, weil er wusste, dass sie fliegen würden. Sie flogen. Vor jedem Flugloch stand das feine Geflirr der ersten Ausflüge, die Bienen ließen fallen, was sie den Winter über gehalten hatten, und über dem Stand lag das hohe, dünne Singen des Reinigungsflugs, das einem das Jahr aufschließt und das man, wenn man es einmal kennt, in keinem anderen Geräusch mehr verwechselt.

Karl ging an den Zaun und sah hinüber.

Bei Florian flog nichts.

Er stand eine Weile und schaute. Eine einzelne Biene taumelte aus einem der grünen Kästen, fiel ins Gras, kam nicht mehr hoch. Karl ging am Zaun entlang bis dorthin, wo er die erste Beute fast hätte greifen können, und blieb stehen und hörte. An einem solchen Tag musste man nicht das Ohr an die Wand legen, an einem solchen Tag hörte man es über den Zaun, das Anlaufen der Völker, das Suchen nach der Sonne. Er hörte nichts. Sonst nichts, kein Geflirr, kein Singen, nur die Sonne, die auf den acht Beuten lag, und eine Stille, die im Februar nicht sein darf, weil im Februar etwas anfangen muss.

Karl rief nicht hinüber. Er ging zurück zu seinen Völkern, die flogen, und blieb bei ihnen stehen, bis die Sonne hinter den Wald ging und es wieder kalt wurde.

Im März, am Auswinterungstag, hob Florian die Deckel. Karl sah es vom Zaun aus, wie er von Beute zu Beute ging und jeden Deckel hob und wieder zumachte, und wie er beim letzten stehen blieb und nicht weiterging, weil es keine weitere mehr gab.

Karl ging hinüber.

Die Beuten waren voll und leer zugleich, wie sie es nach so einem Winter sind: die Waben unausgeräumt, der Vorrat noch da, und dazwischen, am Boden und in den Gassen, die toten Bienen, kopfüber, viele, und kein Summen, das einen empfangen hätte. Auf dem Gemüll lagen die Milben, dicht, mehr, als Karl je auf einem Boden gesehen hatte, und sie lagen auch auf den toten Bienen, als wären sie zuletzt noch heruntergekommen, weil nichts mehr da war, woran sie sich hätten halten können.

„Acht", sagte Florian. „In keinem ist was."

Karl sagte nichts.

„Es hat doch gewirkt", sagte Florian. „Im Sommer. Da ist keine Milbe mehr gefallen, gar keine. Ich hab geschaut."

„Wenn keine fällt", sagte Karl, „heißt das, dass keine mehr fällt. Nicht, dass keine da ist."

Florian sah ihn an und sah dann wieder in die offene Beute, und in seinem Gesicht war nichts Trotziges mehr, nur die Müdigkeit von einem, der den ganzen Winter etwas gewusst und es nicht hatte wissen wollen.

In Florians Tasche begann das Telefon zu läuten. Florian zog es heraus und sah auf das Display, und Karl sah es auch, eine Nummer ohne Namen, und wusste, wer es war, ohne dass es einer gesagt hätte.

Florian ließ es läuten.

Im Mai, als die Völker im Schwarmtrieb standen und Karl ohnehin teilen musste, trug er an einem Morgen einen Ableger über die Wiese, einen Kasten, in dem eine junge Königin saß und ein Brutnest und so viele Bienen, dass es zum Anfangen reichte. Er stellte ihn auf Florians leeren Stand, an die Stelle, wo die erste der grünen Beuten gestanden hatte, und öffnete das Flugloch.

Florian kam aus der Hütte und sah zu.

„Die behandelst du nach Vorschrift", sagte Karl. „Im Sommer und im Winter."

„Im Sommer und im Winter", sagte Florian.

Die ersten Bienen fanden aus dem Flugloch heraus, drehten sich, nahmen das Haus in den Blick und stiegen auf, und nach einer Weile stand am Brett das feine Fächeln derer, die zurückriefen, was noch unterwegs war, und es begann, ganz leise, wieder zu brummen, dort, wo den ganzen Winter nichts gewesen war.

In Florians Tasche läutete das Telefon. Er nahm es heraus, sah darauf, und steckte es wieder ein.