27. Juni 2026
Die zweite Tracht
Ein Kurs, zwei Anfänge im Abstand eines Jahres und ein Glas mit einer fremden Schrift, das nie ganz entfernt wird.
Anton kam zu spät, und der einzige Platz, der noch frei war, war der hinterste, neben der Tür, durch die der Zug hereinstrich, sooft einer hinaus zum Rauchen ging, und so saß er den ganzen ersten Abend im kühlen Strich der offenen Tür und schrieb nichts mit, während vorne, in der ersten Reihe, eine Frau, die er noch nie gesehen hatte, jede Frage stellte, die er sich selbst nicht zu stellen getraut hätte.
Andreas führte den Kurs, wie er ihn seit Jahren führte, mit der leeren Beute am Tisch und einem Rähmchen in der Hand, das er gegen das Licht hielt, und sagte, das Bienenjahr beginne nicht im Frühling, das sei der erste Irrtum, das Bienenjahr beginne im Hochsommer, mit dem, was man dann tue oder lasse, und der Winter sei nur die Rechnung dafür.
„Und die Varroa?", fragte die Frau in der ersten Reihe.
„Die Varroa", sagte Andreas, „ist nicht das Problem. Das Problem ist der Imker, der sie nicht zählt."
Sie schrieb es mit. Anton sah, wie sie es mitschrieb, jedes Wort, in ein Heft mit kariertem Papier, und er sah die Reihe von Heften, die sie schon angelegt hatte, drei oder vier, mit Reitern an den Seiten, und er dachte, dass er in seinem ganzen Leben noch kein Heft so geführt hatte, und dass er sich nicht erinnern konnte, wann er das letzte Mal etwas hatte wissen wollen.
In der Pause stand sie neben dem Kaffeeautomaten, der nur heißes Wasser gab, und sagte, ohne sich umzudrehen, sie heiße Rosa, und er sei der, der hinten sitze und nichts aufschreibe.
„Bin ich", sagte Anton.
„Und warum schreibst du nichts auf?"
„Weiß noch nicht, ob ich's mach."
„Ich schon", sagte sie.
Der Kurs ging über sechs Abende, und am letzten verteilte Andreas Zettel, auf denen stand, wo man Ableger bekam und was sie kosteten, und Rosa nahm gleich drei, und Anton nahm einen und legte ihn ins Handschuhfach, wo er den Sommer über lag und vergilbte.
Sie aber begann gleich, und kräftig, wie sie alles begann. Sie kaufte vier Carnica-Ableger bei einem Züchter im Hausruck, stellte sie an den Waldrand hinter ihr Haus, baute selbst die Hochbeute zusammen, verkehrt herum beim ersten Mal, und schrieb ihm das, mit einem Foto, auf dem die Zarge falsch herum saß, und darunter: Lach nicht.
Er lachte nicht. Er schrieb: Drehen.
Hab ich schon. Die Mädels haben geschimpft.
Das war im Mai. Den Sommer über kamen die Nachrichten in Abständen, wie das Wetter sie hergab, ein Foto vom ersten Honigraum, ein Foto von einer Wabe, auf der sie das Stiftbild nicht fand und ihn fragte, ob das normal sei, und er, der keine Bienen hatte, schaute in zwei Bücher und schrieb ihr, was er gelesen hatte, als hätte er es gesehen.
Du redest, als hättest du welche, schrieb sie einmal.
Hab ich nicht.
Warum nicht?
Darauf schrieb er an dem Abend nichts mehr. Er saß in der Wohnung, in der noch immer die Hälfte der Kisten stand, die er nicht ausgepackt hatte, weil das Auspacken eine Entscheidung gewesen wäre, hier zu bleiben, und er sah den Ableger-Zettel nicht, der draußen im Auto vergilbte, aber er wusste, dass er da lag.
Im Februar darauf holte er den Zettel aus dem Handschuhfach, und das Papier war hart geworden und die Telefonnummer kaum mehr zu lesen, aber der Züchter im Hausruck hob ab und sagte, Ableger gebe es erst im Mai, aber eine Beute könne er heute schon holen, das schade nie.
Anton fing also an, ein Jahr nach ihr, mit zwei Völkern, und alles, was sie ein Jahr früher falsch gemacht hatte, machte sie nun bei ihm im Voraus richtig, über das Telefon, Schritt für Schritt, und nun kamen die Fotos von ihm, die schiefe Zarge, das Stiftbild, das er nicht fand, und sie schrieb: Drehen. Und: Das ist normal.
Sie trafen sich zum ersten Mal nicht am Bienenstand, sondern in ihrer Küche, im November, als nichts mehr zu tun war an den Völkern und beide es nicht ausgehalten hätten, dass nichts mehr zu tun war. Sie wollte Cremehonig rühren und hatte zu viel Honig und keine Geduld, und er hatte Geduld und wenig Honig, und so passte es.
Sie impften den Frühtrachthonig mit einem Löffel feinkristallisiertem aus dem Vorjahr, und rührten ihn an drei Abenden, jeweils ein paar Minuten, damit er fein wurde und nicht sandig, und beim dritten Mal stand er cremig und hell in der Schüssel, und Rosa holte die Gläser.
Es waren Einmachgläser, alte, mit Bügelverschluss, die sie irgendwo billig bekommen hatte, und dazwischen, eines unter vielen, ein Rexglas mit einem Etikett, auf dem in einer fremden, sorgfältigen Schrift Marille 2018 stand, halb abgelöst, und Anton nahm es in die Hand, und es war die Schrift seiner Frau.
„Wo hast du die her?", fragte er.
„Vom Flohmarkt. Sind eh sauber."
Er stellte es zurück zu den anderen, und sie füllten den Cremehonig in alle Gläser, und in das eine mit der Schrift auch, und Rosa klebte ihre eigenen Etiketten darüber, auf alle, nur auf das eine nicht, weil ihr das Etikett dort schon halb gefehlt hatte und der Rest noch hielt, und so blieb unter dem Honig, durch das Glas, Marille 2018 lesbar, wenn man es gegen das Licht hielt.
Sie merkte es nicht. Er sagte nichts. Er trug seine drei Gläser nach Hause und stellte sie in den Kasten, und das eine mit der fremden Schrift stellte er nach hinten, dorthin, wo er es nicht sah, und wusste, dass es da stand.
Den Winter über machten sie weiter, weil das Machen leichter war als das Reden darüber, dass sie etwas machten. Sie setzten Oxymel an, Honig und naturtrüben Apfelessig im richtigen Verhältnis, und legten Salbei und Thymian und einmal Tannenwipfel hinein, und ließen es vier Wochen ziehen, im Dunkeln, und schüttelten es jeden zweiten Tag, jeder bei sich, und schrieben einander, dass sie geschüttelt hatten, als wäre das eine Verabredung.
Im Jänner setzten sie den ersten Met an, in ihrem Keller, weil seiner zu kalt war, und als das Gärröhrchen nach drei Tagen zu blubbern begann, schickte sie ihm in der Nacht eine Sprachnachricht, in der man nur das Blubbern hörte, zwölf Sekunden lang, und sonst nichts, und er hörte sie sich dreimal an.
Dann, an einem Donnerstag im Februar, kam die kurze Nachricht.
Sie kam nicht von Rosa. Sie kam von der anderen, von der, deren Schrift im Kasten stand, und sie war so kurz, wie solche Nachrichten sind: ob er am Wochenende den Rest holen könne, sie habe noch zwei Kisten von ihm im Keller, und die Gläser, ihre Einmachgläser, die wolle sie wieder, sie brauche sie jetzt für die Marille.
Er las es am Bienenhaus, wo er nichts zu tun hatte, weil im Februar nichts zu tun war außer warten, und er las es noch einmal, und dann legte er das Telefon auf die Beute und sah dem Reinigungsflug zu, dem ersten des Jahres, den Bienen, die ihre lange Last hinaustrugen in den ersten warmen Tag, und er rührte sich nicht, bis es kühl wurde und sie wieder hineingingen.
Bei Rosa sagte er an dem Abend, er könne am Sonntag nicht zum Schleudern-Vorbereiten kommen, er müsse etwas holen, das er vergessen habe, und sie sah ihn an und fragte nicht, was, und das war schlimmer, als wenn sie gefragt hätte.
„Im nächsten Jahr brauchst du eigene Gläser", sagte sie nur, „nicht meine vom Flohmarkt."
„Ja", sagte er.
Er fuhr am Sonntag zum alten Haus, das nun nur mehr ihr Haus war, und trug die zwei Kisten heraus, und sie reichte ihm an der Tür einen Karton mit ihren Einmachgläsern, die sie selbst aus seinem Auto, aus jenem ersten Cremehonig-Abend, nicht hatte, weil die längst bei Rosa standen, und so standen sie beide an der Tür und wussten beide, dass die Gläser fehlten, und keiner sagte es.
„Wie geht's dir", sagte sie, nicht als Frage.
„Ich imker jetzt", sagte er.
Sie nickte, als wäre das eine Antwort, und vielleicht war es eine, und dann ging er, und im Rückspiegel stand sie noch in der Tür, bis die Straße sich drehte und er sie nicht mehr sah.
Bei Rosa standen die Gläser, alle bis auf eines, das er nach hinten gestellt hatte, in den eigenen Kasten, und an dem Sonntagabend holte er es vor, das Rexglas mit dem Cremehonig und der Schrift darunter, und er nahm ein Messer und wollte das alte Etikett abkratzen, Marille 2018, das halbe, das noch hielt, und er setzte das Messer an und tat es dann nicht.
Er stellte das Glas in die Tasche und fuhr zu Rosa und stellte es auf ihren Küchentisch, zwischen die Oxymelflaschen, und sagte: „Das ist von dem ersten."
„Das mit der fremden Schrift", sagte sie.
„Ja."
Sie nahm es, hielt es gegen das Licht, las, was unter dem Honig stand, und stellte es zurück, mittig, wo es stand, und sagte: „Dann lassen wir's stehen."
„Das ginge", sagte er.
Sechs Jahre später hatten sie einen Stand am Südbahnhofmarkt, jeden Samstag, mit einer Holztafel, auf der Aus zwei Imkereien stand, was niemand verstand, der sie nicht kannte, und keiner fragte. Sie standen zu zweit hinter dem Tisch, an dem die Oxymelflaschen in Reihen standen, Salbei, Thymian, Tanne, und der Bärenfang in den kleinen, dickwandigen Flaschen, den sie heuer zum ersten Mal in der Menge hatten, dunkel und langsam, mit dem Honig vom Lindenjahr, das ein gutes gewesen war.
Eine Frau blieb stehen, las die Tafel, Aus zwei Imkereien, und kaufte ein Glas Cremehonig und ging weiter in der Menge, und Rosa sah ihr nach und sah dann Anton an, und Anton hatte sie auch gesehen, die fremde, sorgfältige Schrift wäre ihre gewesen, wenn sie geschrieben hätte, aber sie schrieb nicht, sie kaufte und ging, und ob sie es war oder nicht, sagte keiner.
Hinten am Stand, auf dem Bord, wo die Sonne nicht hinkam, stand ein Glas, das nicht zum Verkauf stand, ein altes Rexglas mit Bügel, leer jetzt, gewaschen, und auf dem Glas, halb abgelöst und doch nie ganz entfernt, Marille 2018, und daneben, in Rosas Schrift, auf einem neuen Streifen Papier, ein Jahr, das diesmal das gemeinsame war.
Es war später Vormittag, und die Sonne kam über die Halle und legte sich auf die Reihen, und Rosa füllte nach, wo etwas fehlte, und Anton hielt die Flasche gegen das Licht, schaute, ob der Bärenfang klar geworden war, und er war es, fast, und würde es noch werden, mit der Zeit, die so etwas braucht.