27. August 2026

Vor dem Flugloch

Eine Hornisse vor dem Flugloch, das erste Nest im Land und Ehrenamtliche zwischen Warnungen, Vorschriften und der Arbeit, die trotzdem getan werden muss.

Illustration zu Vor dem Flugloch mit einem Imker, Bienenstöcken und einer Hornisse im Anflug

Am neunundzwanzigsten August, kurz nach sieben, stand Franz vor der dritten Beute von links und rührte sich nicht, und weil er sich nicht rührte, flogen die Bienen über ihn hinweg wie über einen Pfosten, die einen mit Höschen, die anderen ohne, und dazwischen, eine Handbreit über dem Flugbrett, stand etwas in der Luft, das blieb, wo es war, während alles andere sich bewegte.

Martin kam den Wiesenweg herauf und blieb drei Schritte hinter ihm stehen.

„Wie lang schon?"

„Seit halb sieben."

„Eine?"

„Eine", sagte Franz. „Bis jetzt."

Das Ding ging ein Stück nach links, ein Stück nach rechts, und dann fiel es, so schnell, dass man es erst am Danach erkannte: eine Biene weniger in der Anflugschneise, ein kurzes Schlagen in der Luft, ein Brummen, das tiefer war als alles andere am Stand, und dann der Weg hinaus über die Wiese, geradlinig, ohne Eile, nach Nordwest.

„Nordwest", sagte Martin.

„Nordwest."

„Was war das?"

„Eine Hornisse", sagte Franz.

„Welche?"

Franz antwortete nicht. Er war zweiundsiebzig und hatte in seinem Leben genug Hornissen gesehen, um zu wissen, dass man das aus fünf Metern nicht sagen kann, und genug Leute, die es aus fünf Metern gesagt hatten.

Vor dem Flugloch der vierten Beute saßen die Sammlerinnen in einer Traube und gingen nicht hinaus. Es war der neunte Tag, an dem sie nicht hinausgingen, und im Kasten war weniger Vorrat als im Juli.

Martin nahm das Telefon heraus und hielt es ihm hin. Auf dem Bild war eine Pappel an einer Straße, und oben in der Pappel, wo die Äste dünner wurden, hing etwas, das aussah wie ein Sack, den jemand vergessen hatte.

„Wo?"

„Tirol. Unterland."

„Seit wann?"

„Seit gestern."

Franz gab ihm das Telefon zurück und wischte sich die Hand an der Hose ab, obwohl nichts daran war.

„Wie weit ist das?"

„Zwei Stunden mit dem Auto."

„Und Salzburg?"

„Vierundzwanzig", sagte Martin. „Vorarlberg heuer im Juni."

„Dann sind wir die Letzten."

„Ja."

„Dann haben wir Zeit gehabt", sagte Franz.

Martin sagte nichts dazu.

Ernst schrieb den Text an einem Samstagnachmittag, mit dem Laptop auf dem Küchentisch, zwischen der Zuckerdose und dem Radio, das lief, weil es immer lief.

Er hatte nie ein Volk gehabt. Er hatte Bienen gern, so wie man das Wetter gern hat, und er hatte achtunddreißig Jahre lang unterrichtet und wusste, wie man einen Satz baut, der stehen bleibt.

Veronika stellte die zwei Kübel Honig in die Speis und kam zurück.

„Was schreibst du?"

„Das, was keiner schreibt."

Sie las über seine Schulter mit. Er tippte das Wort und ließ es stehen.

„Sie sagen Wirkstoff", sagte sie.

„Sie sagen viel."

„Es heißt aber so."

„Es heißt Gift", sagte Ernst, „und solang es Gift heißt, liest es einer."

Sie ging zum Fenster. Draußen stand die Sonne schon tief über dem Nachbargiebel, und in der Hecke war das Geräusch, das um diese Zeit in jeder Hecke ist.

„Und was stattdessen?"

„Es gibt Mittel, die nichts zerstören."

„Welche?"

„Das wirst du besser wissen als ich", sagte Ernst und schrieb weiter.

Veronika hatte dreißig Völker, seit sieben Jahren, alle auf Naturbau bis auf sechs, und sie hatte im Frühjahr die Bestandsmeldung gemacht wie jedes Jahr. Sie las den Text am Abend zweimal durch.

„Er ist scharf."

„Er soll scharf sein."

Am Montag stand er im Netz. Am Mittwoch rief einer aus Wien an und fragte, ob man ihn übernehmen dürfe, und Ernst sagte, das dürfe man. Am Freitag war er im Heft, unter einer Zwischenüberschrift, die nicht von ihm war.

Veronika fuhr am Samstag zum Stand hinaus, weil sie die Futterkontrolle noch nicht gemacht hatte. Bei den zwei hinteren Völkern war weniger drin, als sie gerechnet hatte, und sie schrieb es sich auf, unter Trachtlücke, und stellte die Kübel auf.

Am Abend riefen sie aus Wien noch einmal an, ob sie nicht auch etwas sagen wolle, als Imkerin, das sei wichtiger, wenn es von einer komme, die selber Völker habe.

„Ich hab dreißig", sagte sie.

„Eben", sagten sie.

Am elften September saßen sie in Linz um einen Tisch, an dem sonst andere saßen. An der Wand hing die Karte, die Sepp im Juli gemacht hatte, mit den Bezirken und den grünen Punkten, wo die Fallen hingen, und in der linken oberen Ecke zwei rote, die noch keine Nester waren, sondern Sichtungen, gemeldet und nicht bestätigt.

Die Landesrätin kam fünf Minuten zu spät und entschuldigte sich. Der Amtstierarzt hatte den Entwurf schon gelesen. Die Frau von der Naturschutzabteilung sagte, was zu bewilligen sei und was nicht, und sagte es in vier Sätzen. Der Kommandant sagte, dass sie im Bezirk sechs Bühnen hätten und dass die Männer in der Nacht ohnehin ausrücken würden, wenn man sie riefe, und dass es ihnen lieber sei, wenn man sie rufe, als wenn man es ohne sie mache.

Sepp legte die Liste auf den Tisch. Meldestelle, Bestätigung, Peilung, Entfernung. Neben jedem Wort ein Name, neben jedem Namen eine Telefonnummer.

„Wer zahlt?", fragte einer vom hinteren Ende.

„Wir", sagte die Landesrätin.

Es war still, so wie es still ist, wenn etwas erledigt ist, das man länger erwartet hatte.

„Vor drei Jahren", sagte Sepp, „hat der Bund beschlossen, dass die Nester von einem Dienstleister entfernt werden. Flächendeckend. In ganz Österreich."

„Und?"

„Und dazugesagt hat es keiner."

„Was?"

„Wer es zahlt", sagte Sepp.

Die Sitzung dauerte fünfzig Minuten. Es war die kürzeste, in der Martin je gesessen war.

Am zwanzigsten September war eine Sitzung im Internet, hundertfünf Teilnehmer, und der Fachmann sprach vierzig Minuten und zeigte Kurven.

Er sprach über Belgien. Er sagte, dass dort im ersten Jahr ein paar Nester gefunden worden seien und im vierten sechzigtausend, und dass man die flächendeckende Bekämpfung dann eingestellt habe, und dass die Imkerei dort weitergehe.

„Sechzigtausend", sagte er. „In vier Jahren. Und dann haben sie aufgehört."

„Eben", sagte Martin.

„Sehen Sie", sagte der Fachmann. „Es geht auch ohne."

„Sie haben aufgehört, weil sie nicht mehr nachgekommen sind."

„Das Ergebnis ist dasselbe."

Martin hatte sein Mikrofon da schon selbst ausgemacht.

Er rechnete es sich nachher am Küchentisch noch einmal aus, weil er es beim ersten Mal nicht geglaubt hatte. Sein Bezirk war neunhundert Quadratkilometer. Ein Nest ausmachen dauerte mit Glück einen halben Tag, ohne Glück drei, und die Peilung ging nur bei Flugwetter, und Flugwetter war im Herbst an fünf Tagen von zwölf. Zwischen dem nördlichsten und dem südlichsten Punkt der Liste lagen zweiundsiebzig Kilometer. Alle, die auf der Liste standen, hatten einen Beruf.

Die Empfehlung des Bundesverbandes kam am achtundzwanzigsten, an alle Ortsgruppen, mit dem Ersuchen um Weiterleitung. Sie war höflich formuliert. Es stand darin, dass man von der Anwendung chemischer Mittel Abstand nehmen möge, und dass Alternativen zu prüfen seien.

Auf Martins Liste standen zwölf Namen. Am ersten Oktober standen neun darauf.

Am dritten Oktober war Vortragsabend im Gasthaus, im Saal hinten, zweiundsechzig Leute, mehr als bei der Generalversammlung im Februar. Ernst sprach eine Stunde, ohne Zettel, und keiner ging hinaus. Zweimal sagte er, dass er selber keine Bienen halte, und beide Male nickten welche.

Am Schluss durfte man fragen. Franz saß in der vorletzten Reihe und stand nicht auf.

„Sie waren einmal draußen bei einem Nest?", fragte einer.

„Nein", sagte Ernst. „Ich bin kein Praktiker."

Auf dem Heimweg im Auto war es eine Weile still.

„Er hat nicht unrecht", sagte der Junge, der mitgefahren war. „Es ist ja wirklich ein Gift."

„Ja", sagte Franz.

„Und trotzdem?"

„Und trotzdem", sagte Franz.

Das erste bestätigte Nest im Land fand ein Pensionist am siebten Oktober, in einer Fichte hinter der Siedlung, sechzehn Meter hoch, auf der Seite zum Bach hin, und es war so groß wie ein halber Mensch.

Sie kamen um halb neun am Abend, weil dann alles drinnen ist. Die Feuerwehr stellte die Bühne auf dem Wendeplatz auf, mit zwei Holzplatten unter den Stützen, weil der Asphalt am Rand nachgab. Die großen Scheinwerfer blieben aus. Sie arbeiteten mit Rotlicht, weil Rot für die Tiere kein Licht ist.

Martin und der Zweite von der Ortsgruppe zogen die Anzüge an, den Reißverschluss zweimal geprüft, die Handschuhe eingebunden. Die Stange lag auf der Bühne, viereinhalb Meter, und was hineinkam, war abgewogen und stand auf einem Formular, das Sepp im Auto hatte.

Sie warteten neununddreißig Minuten. Es fehlte ein Blatt Papier. Sepp telefonierte zweimal, ging dabei bis zur Böschung hinunter und wieder herauf, und beim zweiten Mal sagte er nur „Ja" und „Ja" und „Danke" und kam zurück und nickte.

Am Zaun stand eine Frau, die nicht aus der Siedlung war.

„Du bist die Veronika."

„Bin ich."

„Wie weit hast du es her?"

„Neunzig Kilometer."

Sie hielt das Telefon hoch, quer, mit beiden Händen.

„Filmst du?"

„Ja."

Martin schaute zur Fichte hinauf. Die Bühne fuhr aus, langsam, und das Summen des Hydraulikaggregats war das Lauteste im Ort.

„Ist das das Mittel?", fragte sie.

„Ja."

„Wie viel?"

Martin sagte die Menge und sagte auch das Wort dazu, das darauf stand, und wie lange es liegen bleibt, und dass das Nest hinunterkommt und nicht hängen bleibt, weil das der Punkt ist.

Sie schrieb es sich auf.

„Und wenn es regnet?"

„Dann ist es morgen nicht mehr da."

„Das sagt ihr."

„Das steht im Bescheid", sagte Martin und machte den Handschuh fest.

„Es geht auch anders", sagte sie.

„Wie?"

Sie sagte es. Sie sagte es genau, sie hatte es sich angeschaut, und sie sagte auch, wer es so mache und wo.

Martin hörte zu, bis sie fertig war.

„Wie viele Nester hast du heuer geholt?", fragte er.

Sie antwortete nicht.

„Ich hab dreiundzwanzig Fallen hängen", sagte er. „Die schau ich alle zehn Tage an. Das sind hundertvierzig Kilometer. Ich fahr das mit dem eigenen Auto, und ich fahr es nach der Arbeit, und im November fahr ich es im Dunkeln." Er stieg auf die Bühne. „Wenn du mir etwas bringst, was ein Nest in einer Nacht herunterbringt, dann nehm ich das."

Der Korb ging hinauf.

Es dauerte elf Minuten. Sie nahmen das Nest um zehn nach zehn ab, als Ganzes, in einem Sack, und legten es auf die Plane, und der Kommandant leuchtete mit dem Rotlicht darüber, und man sah durch die zerrissene Hülle die Waben liegen, Stock über Stock, sechs davon, und die untersten waren die großen.

Am nächsten Vormittag zählten sie die Zellen im Kühlraum der Bezirkshauptmannschaft. Sie brauchten dafür drei Stunden und kamen auf dreihundertzwanzig.

„Wie viele davon kommen durch?", fragte der Amtstierarzt.

„Ein paar", sagte Martin.

„Wie viele sind ein paar?"

„Genug", sagte Martin.

Das Video war am selben Abend im Netz. Es war zwei Minuten und elf Sekunden lang, und man sah darin die Stange, das Rotlicht und einen Mann im Anzug, und darunter stand, was in der Stange gewesen war. Der Bundesverband teilte es am nächsten Tag.

Am dritten Oktober des nächsten Jahres kam Martin den Wiesenweg herauf, und Franz stand schon da.

Sie schauten eine Weile hin, wie man hinschaut, wenn man nichts erwartet und trotzdem hinschaut.

„Wie viel hast du noch?", fragte Martin.

„Acht."

„Von zwanzig."

„Von zwanzig", sagte Franz. „Im März werdens sechs."

Im Herbst davor waren bei der Ortsgruppe vierhundertzwölf Völker eingewintert worden. Ausgewintert hatten im Frühjahr dreihundertelf. Es war kein schlechter Winter gewesen, es hatte im Jänner Reinigungsflug gegeben, und der Milbenbefall war niedriger als im Jahr davor. Neun Imker hatten im September und Oktober aufgeschrieben, dass die Völker nicht mehr ausflogen, und drei davon hatten es dem Martin gemeldet und die anderen nicht, weil sie es für etwas anderes gehalten hatten.

Bis zum ersten Oktober waren einhundertelf Nester gemeldet worden. Bestätigt waren siebenundachtzig. Entfernt waren sechsundsechzig. Von den sechsundsechzig hatten vier Leute achtundvierzig gemacht, und einer davon war Martin, und einer war seit August im Krankenstand, weil ihm auf der Bühne der Rücken hinuntergegangen war.

Auf der Liste standen jetzt sechzehn Namen. Gefahren waren neun.

Der Bundesverband hatte im Frühjahr eine Arbeitsgruppe eingerichtet. Sie hatte zweimal getagt.

Martins Telefon läutete, während sie standen. Er hielt es ans Ohr, sagte „Ja", ging drei Schritte zur Seite, sagte „Wie hoch?" und „Und die Straße?" und „Ich brauch die Adresse", und dann schrieb er sie auf den Rand vom Kuvert, das er in der Jacke hatte.

„Wo?", fragte Franz.

„Grieskirchen. Eine Linde."

„Wer hat gemeldet?"

Martin sagte den Namen.

Franz nickte und sagte nichts dazu, und Martin steckte das Kuvert wieder ein, ohne etwas dazuzusagen.

Franz ging die Reihe ab und hob bei der dritten und bei der vierten den Deckel, nicht, um hineinzuschauen, sondern um zu horchen. Bei der vierten musste er zweimal horchen.

Vor dem Flugloch stand nichts. Es war zu kalt dafür, und es war Oktober, und Franz blieb trotzdem stehen und schaute hin.

„Im Mai", sagte er.

„Im Mai", sagte Martin.